Capture One Pro 22

Das umfassende Handbuch von Jürgen Wolf

Capture One Pro ist der derzeit beste RAW Converter, soweit traue ich mich das zu sagen. Einsteigern kann die Software allerdings anfangs einige Probleme bereiten, weil eben nicht jeder Handgriff und jeder Arbeitsschritt so ist, wie sie von anderen Softwareprodukten üblich ist. Bei genauer Betrachtung kein Wunder: Viele Werkzeuge und Einstellungen existieren in der bei Capture One vorliegenden Form anderswo gar nicht, Skalierungen sind bei jedem Softwareprodukt verschieden etc.

“Learning by Doing” ist eine Methode, sich Capture One Pro zu nähern, fleißiges Nachfragen in den Foren dieser Welt eine andere. Wer so viel Zeit hat… Allen anderen – und auch Fortgeschrittenen, die glauben, Capture One aus dem FF zu beherrschen – sei das hier beschriebene Buch empfohlen. Sie werden mit einem guten Überblick und Anleitungen für die Arbeit mit diesem RAW Converter belohnt und auch mit vielen überraschenden Tipps und Tricks samt Hintergrundinformationen, die ich hier nicht erwartet hätte. Dazu noch über 100 Workshops, die den Leser wirklich weiterbringen.

Der erste Eindruck

Capture One Pro - Das Buch

Das im Rheinwerk Verlag erschienene Buch zu Capture One Pro hat Gewicht, im wahren Wortsinn. Fast 1,6kg, mehr als 500 Seiten. Bereits der erste Blick ins Buch zeigt, dass nicht nur die Grundlagen, Werkzeuge und Arbeitsschritte von Capture One Pro erklärt werden, sondern ebenso der Workflow, der bereits bei der Bildablage auf deinem Arbeitsgerät selbst bzw. auf externen Speichern beginnt und auch Backups etc. miteinschließt. Wichtig: Jürgen Wolf erklärt auch sehr detailliert, welche Arbeitsschritte bereits lange vor der eigentlichen Bildentwicklung durchgeführt und welche Entscheidungen für die Optimierung des eigenen Workflows getroffen werden müssen – mit allen Konsequenzen.

Klar, dass in diesem Buch auch die Software selbst ausführlich beschrieben ist, auf die verschiedenen Werkzeuge detailliert eingegangen wird. Danach aber beschert uns der Autor einige Workshops zu einer Reihe von interessanten Themen. Ja, wahrlich ein beeindruckend umfassender Wälzer.

In die Vollen

Im ersten Kapitel „Grundlagen und Benutzeroberfläche“ erlebe ich bereits die erste Überraschung. Die Art der verschiedenen Lizenzen – Kaufen oder Mieten – hatte ich noch erwartet, auch die Erläuterungen zu notwendiger Hardware überrascht mich nicht. Es geht rasch weiter mit einer Einführung in die Farbverwaltung. Ein gerade für die Bildentwicklung wichtiger Punkt, der viel zu gerne „übersehen“ wird.

Aber dann: Jürgen Wolf beantwortet eine der im Web meistdiskutierten Fragen, „Wer braucht heute noch RAW? Ich fotografiere alles nur mehr mit JPEG, ist doch ohnehin schon fast perfekt.“, fachkundig und mit verständlichen Beispielen. Bitte unbedingt lesen!

Capture One Pro - Das RAW-Format
Capture One Pro – Das RAW-Format im Vergleich zum JPEG

Auf das von Adobe geschaffene „RAW-Format“ DNG wird auch eingegangen. Nun ja, immerhin kann Capture One seit einigen Jahren auch damit sehr gut umgehen; Benutzer früherer Versionen kennen das noch anders.

Wichtig ist auch die verständliche und mit Beispielen hinterlegte Erläuterungen zur zerstörungsfreien (“nicht destruktiven”) Bearbeitung.

Capture One Pro - Die zerstörungsfreie Bearbeitung
Capture One Pro – Die zerstörungsfreie Bearbeitung

Nach einer Schnellübersicht der Benutzeroberfläche und Erklärungen zu Werkzeugregisterkarten sowie zu den Werkzeugen selbst folgt noch ein Vorschlag für einen sinnvollen Workflow, also eine Reihung der Arbeitsschritte, die vor und bei einer Bildentwicklung vorgenommen werden sollten. Auf den abschließenden Export der fertigen Bilder zur Weitergabe wird dankenswerter Weise nicht verzichtet.

Die Details

Eigentlich wären wir doch jetzt durch, oder? Oder. Auf Seite 45, nach Grundlagen & Co., fängt der wirklich interessante Teil erst an. Jetzt geht es für so manchen Fotografen ans Eingemachte.

Capture One Pro bietet für die Arbeit Sessions (von den ersten Capture One-Versionen) oder Kataloge (kamen erst in späteren Versionen) an. Der Umgang mit beiden Varianten ist Thema der Kapitel 2 und 3. Jürgen Wolf geht dabei auch auf wichtige Hilfestellungen zu beschädigten Katalogen.

Capture One Pro - Probleme mit dem Katalog beheben
Capture One Pro – Probleme mit dem Katalog beheben

Das nächste Kapitel widmet sich dem Tethered Shooting. Wir sind bereits auf Seite 93 des Buchs. Was bedeutet „Tethered Shooting“? Wörtlich übersetzt „angebundenes Fotografieren“, wobei die Anbindung der Kamera zum Computer per LAN-Kabel erfolgte. Heute sind wir schon etwas weiter und verwenden bei vielen Kameras bereits das vielzitierte WLAN-Kabel, also eine in Wahrheit kabellose Verbindung zum Rechner.

Tethered Shooting wird vorwiegend im professionellen Fotostudio verwendet, um Grafikern und Kunden Aufnahmen in Echtzeit auf einem Monitor zeigen zu können. Etwaige Änderungen können also ohne Zeitverzögerung erfolgen; spart viel Geld. Achtung: Nicht alle Kameras beherrschen Tethered Shooting – egal ob per LAN oder WLAN! Nicht nur eine Frage des Herstellers, sondern auch des Kameramodells. Capture One Pilot ermöglicht den Bildzugriff auch über einen lokalen Webserver mittels Webbrowser auf mehrere z.B. iPads oder andere Tablets. Noch befinden wir uns aber im lokalen Netzwerk.

Capture One Live ist ein Service, das die Möglichkeiten von Tethered Shooting noch mal deutlich erweitert: Weder Kunde noch Art Director müssen an der Aufnahme Location (z.B. am Strand von Santa Monica) anwesend sein, sie können per Capture One Live weltweit die Bilder in Echtzeit (oder auch später) sehen, kommentieren und bewerten. Auch dieses Service spart Geld, viele Flugtickets entfallen. Wird alles verständlich erklärt.

Kapitel 5 widmet sich der Sichtung und Auswahl von Bildern im weitesten Sinn. Ansichtswerkzeuge, das Arbeiten mit zwei Bildschirmen, die Anpassung von Browser und Viewer werden durchbesprochen. Wie bewertest du Bilder, wie und warum markierst du sie farblich?

Ebenfalls in diesem Kapitel ist aber auch die Capture One Pro-interne Organisation Thema. Was sind Sammlungen, wie unterscheiden sich Alben, Gruppen, Projekte zur gezielten Ablage von Bildern innerhalb eines Katalogs? Was ist der (interne) Dateibrowser mit seinen Ordnern? Wie integrierst du Sitzungen in Kataloge bzw. wie führst du Kataloge und Sitzungen zusammen? Nach der Lektüre dieses Kapitels bleibt kaum eine Frage mehr offen.

Metadaten

Tja, Kapitel 6: Sachlich richtig, was Jürgen Wolf da schreibt, auch die Tipps hinsichtlich der Verschlagwortung sind gut und wichtiger als so mancher Fotograf zu glauben scheint. In diesem Kapitel wird – sehr löblich – sehr detailliert auf die verschiedene Metadaten vom Dateinamen über EXIF, IPTC und XMP eingegangen. Sehr gut haben mir die eingearbeiteten Workshops zu diesem Thema gefallen.  

Hätte er nicht zu Anfang des Buches geschrieben

Neben einer RAW-Konvertierung bietet Capture One weitere vielfältige Möglichkeiten zur Bildbearbeitung und leistet Großartiges bei der Bildverwaltung.

könnte ich mir die nächsten Absätze ersparen. Denn die Bildverwaltung hängt zu einem großen Prozentsatz an der Arbeit mit Metadaten. Und da glänzt Capture One Pro, auch in der Version 22, nicht gerade. Zumindest aus Sicht eines Profis gesehen; den meisten ambitionierten Fotografen wird der Funktionsumfang wahrscheinlich reichen.

Ja, Capture One Pro kann „Schlüsselwörter“, du kannst mit deren Hilfe Bilder recht gut finden und ausheben lassen. Das ist wichtig, wenn ein Kunde unbedingt Bilder aus einer speziellen Kategorie oder mit einem speziellen Motiv haben will. Sammlungen, Bewertungen und Farbmarkierung unterstützen dabei. Die Basisfunktionalität ist also gegeben. Das war’s aber auch schon mit der “großartigen” Bildverwaltung.

Wo hakt es? Die Anlage, Strukturierung und Pflege von Schlüsselwortbibliotheken ist innerhalb von Capture One Pro eine sehr aufwändige Sache – und mach dabei ja keinen Fehler! Mehrsprachigkeit bzw. Synonyme sind von Capture One Pro nicht vorgesehen.

Ich habe mich nach langem Überlegen daher entschlossen, dieses Werkzeug zu „missbrauchen“, soweit es mir sinnvoll erscheint, und mir einen besseren Überblick über meine hierarchischen Schlüsselwörter bzw. ein schnelles Auffinden nach bei mir gebräuchlichen Kriterien ermöglicht.

Schlüsselwörter werden fast überall anders „Stichwörter“ genannt. Das ist für sich gesehen noch egal – und trotzdem bereits ein gutes Beispiel. Capture One Pro hält sich (auch) hinsichtlich der Metadaten und den zugehörigen Feldern nicht oder zumindest nicht durchgängig an die gebräuchlichen Standards – was aber wichtig wäre: Denn wegen des recht lockeren Umgangs mit gängigen Standards können andere Programme, auch marktführende wie z.B. Adobe Photoshop, Adobe Lightroom, PhotoLab, Photo Supreme, Photo Mechanic, Nik Software etc. mit den Metadaten der von Capture One Pro exportierten Bilder oft nicht (vollständig) umgehen; nicht mal Bewertungen können aus exportierten Bildern (TIFF oder JPEG) direkt übernommen werden. Das ist schon mal lästig. Noch schlimmer ist aber, dass auch Bewertungen (Stichwort “Sternchen”), die in einer anderen Software zum schnellen Überblick vorgenommen wurden, nicht übernommen werden können.

Dazu kommt: EXIF- und IPTC-Daten werden zwar meist richtig ausgelesen, Manche IPTC-Daten aber beim Export (auch) in andere Felder geschrieben; es ist in vielen Fällen nicht möglich, die exportierten Metadaten mit anderer Software weiterzubearbeiten. Der Autor schreibt dazu neben einigen Erklärungen einen wichtigen Satz unter dem Titel „Bilder in Drittanwendungen betrachten“:

In der Praxis werden sie hierzu in der Drittanwendung gewöhnlich die Metadaten aktualisieren müssen.

Wie wahr, wie wahr. Aber meines Erachtens nicht deutlich genug.

Komplexes Thema, ich weiß. Und schon etwas weiter weg vom vorliegenden Buch, muss ich gestehen, deswegen verweise ich Interessierte auf z.B. das Capture One Forum (https://support.captureone.com/hc/en-us/community/topics/4416095821329-Capture-One-22-x-Software-for-Windows), in dem diesen Problemen bereits breiter Raum gewidmet wurde, bzw. zu Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Exchangeable_Image_File_Format, https://de.wikipedia.org/wiki/IPTC-IIM-Standard, https://de.wikipedia.org/wiki/Bilderverwaltung, https://de.wikipedia.org/wiki/Digital-Asset-Management)

Ergänzt wird dieses Kapitel um die Arbeitsschritte zum Umbenennen von Bildern inkl. der in Capture One Pro vorhandenen Stapelverarbeitung. Dem Thema „Suchen/Filterung von Bildern“ wird gebührend großer Raum gegeben. Hier erfährst du, wie du übliche Filtereinstellungen vornehmen kannst – nein, die üblichen Suchoperatoren wie „+“ oder „-“ o.ä. funktionieren bei Capture One Pro leider nicht. Die üblichen globale Filter des RAW Converters werden an dieser Stelle auch verständlich erklärt.

Ach ja, das Werkzeug „Anmerkungen“: Eher von Berufsfotografen verlangt. Interessanterweise können in Capture One Pro nur handschriftliche Anmerkungen verwendet werden, was beispielsweise mir persönlich gröbere Probleme bereitet. Ich verwende dieses Werkzeug, um u.a. gewährte Nutzungsrechte zu vermerken, was mit Pinsel und Mauszeiger viel Platz braucht und immer mistig aussieht. Da würde sich die Möglichkeit einer Tastatur besser eignen. Aber Anmerkungen in Capture One Pro scheinen hauptsächlich zur Kennzeichnung von noch zu ändernden Bereichen gedacht. Dafür reichen Pinsel und Maus bzw. (Grafik)Tablet und Stift.

Objektivkorrekturen

Ganz wichtiges Thema. Fast alle erhältlichen Objektive weisen Verzerrungen (Kissen meist bei Teles, Tonne bei Weitwinkelobjektiven), chromatische Fehler, Schärfeabfall zu den Bildrändern/Ecken und Vignettierung auf. Zu den optischen Objektivfehlern können auch zu kleine Blenden überdies zu Beugungsfehlern führen. Vor allem bei hochauflösenden Sensoren zeigt sich Beugungsunschärfe bereits oft schon ab Blenden um die 1:8. Auch dieser optische Fehler lässt sich bei Capture One Pro noch recht gut korrigieren. Sogar für Tilt-Shift-Objektive hält Capture One Korrekturmöglichkeiten bereit. All das sehr verständlich aufbereitet und mit Beispielen belegt.

LLC-Profile? Was ist das? Wozu brauche ich das? Wie gehe ich damit um? All diese Fragen beantwortet dieses Kapitel – und warnt zudem noch vor den Fallstricken, die sich im Umgang mit LCC-Profilen ergeben können.

Bildaufbau, Vorbereitung zur und Durchführung von Bildentwicklung

Die Kapitel 8 bis 11 befassen sich mit der „eigentlichen“ Arbeit am Bild, der Entwicklung, die Feinheiten der Retusche kommen erst im Kapitel 14 dran. Ist gut so: Zuerst mal die nötigen Basics, wenn auch mit allen Feinheiten.

Raster und Hilfslinien als Hilfsmittel sowie die Werkzeuge Trapezkorrektur (stürzende Linien beseitigen), Drehung und Zuschneiden gibt schon lange bei Capture One Pro. Seit Version 22 hat sich aber einiges verbessert: Es ist nun auch möglich, Horizonte automatisch gerade auszurichten und Trapezkorrekturen automatisch vorzunehmen. Funktioniert nicht immer – nicht jedes Bild hat ausreichend erkennbare Linien -, aber doch in erstaunlich vielen Fällen sehr gut.

Das Überlagerungswerkzeug zeigt wieder, dass Capture One sich primär an Berufsfotografen richtet. Layout können z.B. beim Tethered Shooting in der Live-Bild der Kamera eingeblendet werden. Nicht nur für Cover Shootings wichtig, hätte ich schon in der analogen Ära gerne gehabt. Das hätte viele Stunden Arbeit und so manche Diskussion mit dem Werbegrafiker (Art Director hieß der damals noch nicht) erspart.

Bei der Vorbereitung der Bildentwicklung geht es dem Autor hauptsächlich um die Werkzeuge und Hilfsmittel, die dir bei der EBV mit Capture One nützlich sein werden. Auch die Bearbeitung von Offline-Bildern, die bei Capture One Pro im Gegensatz zu anderen RAW Convertern möglich ist, erklärt Jürgen Wolf in verständlichen Worten.

Aber jetzt! Wie korrigiere ich den Weißabgleich eines Bildes? Klingt so trivial, ist es aber keineswegs. Vor allem, weil die in verschiedenen RAW Convertern angegeben Kelvin-Werte nichts als Interpretationen darstellen. Du wirst kaum zwei Converter finden, die für das gleiche RAW dieselbe Farbtemperatur angeben. Und weiter: Welchen Einfluss hat dieser Abgleich auf die Stimmung des Bildes. Auch hier wieder gute Beispielbilder.

Capture One Pro - Der Weißabgleich und seine Tücken
Capture One Pro – Der Weißabgleich und seine Tücken

Nach einem Weißabgleich bleibt oftmals doch noch ein Farbstich bestehen; Mischlicht z.B. „is a Hund“. Wie behebe ich den? Der Autor hat auch für komplexe Situationen, die nicht mit dem Farbton-Regler behoben werden können, noch alternative Lösungsansätze parat. Der Farbeditor ist der nächste Pluspunkt von Capture One Pro. Basis, Erweitert oder Hautton? Erschöpfende Antworten dazu im Buch.

Wenn wir mal die Farben halbwegs korrekt festgelegt haben, wird die Belichtung angepasst. Hier im Buch wird auch das Histogramm, das bei so vielen Fotografen ein Schattendasein führt, beleuchtet. Was ist ein Histogramm, wie kann ich es lesen, wie setze ich es ein?

Das HDR-Werkzeug ergänzt den Vorgang der Belichtung. Der richtige Umgang mit dem Tonwerte-Werkzeug und der Gradationskurve, jeweils auch für jeden Farbkanal einzeln einstellbar, geben Bildern die passenden Grundeinstellungen. Dunstentfernung („Dehaze“) wird in diesem Kapitel auch noch behandelt, das Klarheit-Werkzeug mit seinen Reglern aber erst deutlich später, im Kapitel „Details verbessern“. Warum, kann ich nicht so ganz nachvollziehen; für mich hat das Klarheit-Werkzeug bei der Bildentwicklung mehr Bedeutung als die Dunstentfernung.

Mit einer Übersicht der in Capture One Pro enthaltenen Automatik-Funktionen schließt Kapitel 11.

Schnellbearbeitung

Nachdem wir nun detailliert wissen, wie die Bildentwicklung laufen könnte/sollte, zeigt uns Jürgen Wolf nun auch die Abkürzung der Schnellbearbeitung. Hier werden Werkzeug-Regler vor allem mit Shortcuts (Tasturkürzeln) gewählt, die Regler mit Mausrad, Mauszeiger oder Cursor-Tasten bewegt. Kleine Randbemerkung: Ein näherer Blick auf die Shortcut-Liste zeigt, dass auch der Softwarehersteller dem Klarheit-Werkzeug mehr Bedeutung als dem Dunstentferner gibt.

Ein paar Anregungen zur Wiederverwendung bzw. auch zur Speicherung spezieller Zusammenstellung von Anpassungen und deren sinnvollem Einsatz schließen Kapitel 12.

Die Details verbessern

In diesem Kapitel hat der Autor zwei große Vorzüge von Capture One Pro – Schärfe-Werkzeug und die Reduktion des Bildrauschens – untergebracht. Aber nicht nur das: Hier findest du endlich auch das Klarheits-Werkzeug mit seinen Reglern „Klarheit“ und „Struktur“ und den verschiedenen Profilen. Es wird dabei, wenn auch spät, deutlich, warum ich dieses Werkzeug wesentlich früher in den Workflow einbaue als Jürgen Wolf: Es gibt bei mir recht viele Bilder (z.B. Events, Portraits) wo ich gar nicht zu viel „Pep“ ins Bild bringen möchte, sondern eher Hautunreinheiten unauffällig und unaufwändig reduzieren muss. Und da möchte ich vor einer Retusche bereits mit dem Regler Klarheit Grundeinstellungen vornehmen.

Bildrauschen ist nicht nur für Eventfotografen, die häufig ohne zusätzliche Lichtquellen abends in Lokalen mit kaum ausreichender Beleuchtung arbeiten müssen, wichtig. Interessant ist, dass Capture One Pro die Voreinstellungen der Regler für Helligkeits- und Farbrauschen sowie Detailzeichnung bereits je nach Kamera/Sensor/Auflösung recht gut hinbekommt, ohne dass du an den Reglern drehen musst. Sogar die Wahrscheinlichkeit von Hot Pixel, wie sie bei langen Belichtungszeiten durch die Erhitzung des Sensors entstehen, oder, weniger häufig, Dead Pixel und anderen (Sensor)Pixelfehlern (in Capture One allesamt „Single Pixel“ genannt) wird bei Capture One Pro sehr gut eingeschätzt und in den Voreinstellungen berücksichtigt.

Die Ergebnisse mit den Voreinstellungen sind – korrekte Belichtung vorausgesetzt – so gut, dass ich meist ohne Nachjustierung auskommen kann. (Und wenn’s gar nicht reicht, weil leider auch die Belichtung nicht gepasst hat, dann springen bei mir die Tools von Topaz Labs ein, die ich direkt aus Capture One starten kann.)

Neben den Hot Pixel gibt es eine weitere Störquelle, die meist erst viel zu spät erkannt wird. Wer von uns hatte noch nie Staub auf dem Sensor? Dazu kommt, dass Staub auf dem Sensor viele Aufnahmen betrifft, weil die Staubflecken immer an denselben Stellen jedes Bildes auftaucht, bis die nächste Sensorreinigung durchgeführt wurde. Das kann bei der Bearbeitung vieler Bilder sehr lästig werden. Jürgen Wolf zeigt dir in seinem Buch, wie du dir die Arbeit mit einer „Staubmaske“ wesentlich erleichtern kannst. Fast schon ein Highlight, wie einfach er solche Probleme angeht.

Die Verwendung von Filmkorn, die Entfernung von Moiré und der Einsatz von gezielter Vignettierung beenden dieses Buchkapitel.

Lokale Anpassungen in Capture One Pro

Capture One Pro arbeitet unter anderem auch mit Ebenen und Masken und das recht gefinkelt. Reparaturebenen und Klonebenen (bei anderen Softwareprodukten oft „Stempel“ genannt) gehören ebenso dazu wie Ebenen, die durch Luminanzbereiche begrenzt werden. Stilpinsel ist das letzthinzugekommene Werkzeug dieser Kategorie. Alles zur Verbesserung begrenzter Bildteile. Der Umgang mit diesen Werkzeugen, wie schon gewohnt, wird ausführlich beschrieben.

Bevor Jürgen Wolf sich der Welt der Schwarz/Weiß-Bilder und individueller Looks widmet, wendet er sich verschiedenen Kategorien der Fotografie zu.

Workshops, diesmal geballt

Waren die bisherigen vielen Workshops in die jeweiligen Kapitel eingebettet, kommt es jetzt dicke: Portraitfotografie hat andere Problemfelder als Architekturfotografie oder Landschaftsfotografie und erfordert Bearbeitungsschritte in anderen Bereichen als Makrofotografie. In diesen Genre-bezogenen Workshops werden die Unterschiede in den Workflows gut abgebildet. Viele Tipps zur Arbeitserleichterung machen es interessant, diesen Workshops zu folgen. Aber auch Methoden, die in der Bildbearbeitung eine Rolle spielen, werden dir in diesen Workshops nähergebracht. „Dodge & Burn“ („Abwedeln und Nachbelichten“ hieß das früher, als ich bei der Bildentwicklung noch bis zu den Knöcheln in Chemie gebadet habe) und Crossentwicklung mögen hier als Beispiele genannt werden.

Ah ja! Hätte ich doch fast vergessen zu erwähnen: Viele Beispiele im Buch werden nicht nur bebildert, sondern auch mit herunterladbaren Beispielmaterial ergänzt. So fällt es dir leicht, Arbeitsschritte nicht nur zu verstehen, sondern auch unmittelbar auf deinem Rechner nachzuspielen.

Download-Symbol
Dieses Symbol im Buch deutet auf Beispieldateien, unter dem Download-Symbol findest du auch Kapitel und Dateinamen angegeben.

Nach dem Durcharbeiten der Workshops bist du möglicherweise ein wenig erschöpft. Trotzdem: Tu es! Arbeite sie durch. Alle. So viel kannst du sonst in doch recht überschaubarer Zeit nicht lernen. Kein Video ersetzt dir das Learning by Doing unter so fachkundiger Anleitung.

Wir kommen zu Stilen und Voreinstellungen

Dass Schwarz/Weißbilder und (Farb)Looks weitere Themen dieses Buches sind, habe ich schon erwähnt. Sehr interessante Themen, die eindrucksvoll zeigen, dass Schwarz/Weiß weit mehr als nur die Abwesenheit von Farben ist.

Stile sind Möglichkeiten der Individualisierung von Bildern. Soweit die leicht verständliche Version.

Sie sind aber auch dort wichtig, wo z.B. Bücher erstellt werden, deren Bilder einem einheitlichen Farbmuster oder Farbstil folgen sollen. Okay, ich erkläre, was ich meine, anhand eines Beispiels: Los Angeles, Venice Beach. Das Blau des Himmels hat eine eigene Charakteristik. Nun ist es aber so, dass der Weißabgleich der Kamera sich auch an den Motiven und ihrer Umgebung orientiert. Nun sitzt eine Personengruppe unter einem roten Schirm, und schon haben wir den Salat. Oder du hast Bilder bei wolkenlosem Himmel von verschiedenen Tagen und Uhrzeiten. Dann wird die Intensität des Himmels nicht übereinstimmen. Ist aber im Buch auf dem einen Bild das Blau des Himmels anders als auf den anderen derselben Location, macht das keinen schlanken Fuß.

Solche Abweichungen (Stichwort “Sonnenschirm”) lassen sich mit einem simplen Weißabgleich selten in den Griff bekommen, weil damit auch andere Farben verfälscht würden. Ich kann mir bei Capture One Pro aber behelfen. Mit dem Farbeditor kann ich Farbbereiche sehr gezielt anwählen und korrigieren. Solche Anpassungen wiederum kann ich als Stile oder Voreinstellungen (den Unterschied erklärt der Autor gut) speichern und später auch auf andere Bilder mit ähnlichen Problemen anwenden.

Zum Ende dieses Kapitels hin gibt es nützliche Tipps zur Verwaltung von Stilen und Voreinstellungen, die auch mir geholfen haben, mein diesbezügliches Chaos ein wenig besser in den Griff zu bekommen.

HDR und Panorama

Dieses Kapitel überspringe ich nahezu. Beide Funktionen sind fast selbsterklärend – und noch nicht fehlerfrei. Ich habe dazu schon mal in einem anderen Beitrag geschrieben. Für meist brauchbare Schnellschüsse reichen beide Werkzeuge aber jederzeit.

Bildexport und -druck

Das ist ein Bereich, in dem Capture One Pro wieder so richtig glänzt. Jürgen Wolf breitet die Möglichkeiten, die Capture One in diesem Feld bietet, nicht nur vor dem Leser aus, sondern referiert auch über die verschiedenen Bildformate. Die Proof-Ansicht – für Fotografen, die farbecht drucken müssen, wird ebenso angeschnitten, wie die Möglichkeit, Bilder aus Sitzungen mit allen Bearbeitungen als EIP verpackt weitergeben zu können. „Kontaktabzug“, Webgalerie … es bleibt wirklich kein Auge trocken.

Gegen Ende des Handbuchs zeigt uns der Autor verschiedene Möglichkeiten, die Arbeitsoberfläche individuell je nach Workflow anzupassen.

Achtung: Diese Erläuterungen stehen nicht ohne Grund am Schluss des Buches. Ich warne davor, sich, weil es so schön ist, alles anzupassen, gleich zu Beginn der Beschäftigung mit Capture One Pro damit zu befassen. Viele Anwender wollen die Benutzeroberfläche Capture One Pros nämlich im ersten Impuls so umgestalten, dass sie der bisher aus anderer Software gewohnten möglichst nahe kommt. Grober Fehler, glaube mir.

Finde zuerst deinen Workflow mit Capture One Pro; er kann überraschend anders werden als der, den du bisher gewohnt warst. Dann erst richte dir die Oberfläche passend dazu her. Sonst verlierst du viele andere Vorteile, die dir Capture One Pro bieten kann.

Der Umgang mit bzw. die Einbindung von Drittsoftware in Capture One Pro bildet, abgesehen vom Anhang, den Abschluss des Buchs.

Das Capture One Pro 22-Buch findest du unter https://www.rheinwerk-verlag.de/capture-one-pro-22-das-umfassende-handbuch/, wo auch ein Bundle mit dem zugehörigen E-Book bestellt werden kann. Nur 5 EUR Aufpreis für ein zusätzliches Buch, das du überallhin mitnehmen kannst.

Fazit

Ein gewaltiges Buch, das uns der Rheinwerk-Verlag da auf den Tisch gelegt hat. Ein unfassbar detailliertes und doch sehr verständlich geschriebenes Werk zu Capture One Pro 22, ergänzt durch mehr als hundert Workshops. Auch meine kleine Meckerei der Metadaten wegen schmälert nicht den Wert dieses Leitfadens. Wenn du dieses Buch wirklich durchackerst, werden all deine Fragen zur Arbeit mit der aktuellen Version von Capture One beantwortet sein.

Erst das zweite Mal vergebe ich bei einer Rezension volle 5 Sterne. Autor und Verlag haben es sich aber auch hart erarbeitet und ehrlich verdient.

Fünf Sterne von fünf möglichen
Fünf Sterne von fünf möglichen

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