Cambria
Ein paar Kilometer vor San Simeon liegt Cambria. Zauberhaft. Die meisten Häuser im Zentrum im alten englischen Stil gebaut, ist Cambria fast ein optisches Gegengewicht zum „dänischen“ Solvang. Eben jetzt ist das Wetter leider nicht gerade einladend, leichter Nieselregen deckt die Kleinstadt (etwa 6.000 Einwohner) zu. Nur die Kirche in der Main Street hebt sich noch aus dem Nebel.

Hearst San Simeon State Park

Die folgenden zwei Abschnitte unserer Reise, San Simeon und Big Sur, sind besonders ergiebig. Cambria und San Simeon „streiten“ ein wenig um den Hearst San Simeon State Park. Alles dort heißt „San Simeon“: die Straße, der Bach, der Park, der Campingplatz und sogar der Wanderweg. Nur die Adresse sagt: „500 San Simeon Creek Road, Cambria“. Schweinerei aber auch!
Der Hearst San Simeon State Park ist hinsichtlich seiner Fläche zwar nicht mit dem Anwesen des Hearst Castle vergleichbar, erstreckt sich aber doch über eine Fläche von 9,35km². Ein fünfeinhalb Kilometer langer Wanderweg führt durch die Landschaft, zwei Campingplätze gehören auch zum Park.
Der Hearst San Simeon State Park schließt aber auch die Santa Rosa Creek Natural Preserve, die San Simeon Natural Preserve und die Pa-nu Cultural Preserve mit ein. Die beiden ersten Naturschutzgebiete sind hauptsächlich Feuchtbiotope mit vielfältiger Flora und Fauna. Die San Simeon Natural Preserve dient Millionen von Monarchen (Schmetterlingen) als Winter-Rückzugsgebiet.
Die Pa-nu Cultural Preserve hingegen punktet mit fast 6.000 Jahre alten archäologischen Funden, die sowohl uralte Technologie wie auch das soziale Leben vor tausenden von Jahren dokumentieren.
Irgendwo dort, beim Hearst San Simeon State Park, beginnt San Simeon, das mit nicht einmal 500 Einwohnern kleinste Städtchen, das wir an der Westküste finden konnten. Und San Simeon beginnt gleich mit einem Küstenabschnitt, der trotz Nieselwetter „Big Points“ bringt: viel Strand, viel Sand, viele Seelöwen, reichlich Robben und Vögel in Massen. Zuerst die Vögel. Hitchcock hätte seine Freude gehabt.

Zwei junge Leute scherzen, ein alter Fischer kommt mit dem von ihm selbst „geernteten“ Fischfutter vom Strand. Er schmachtet mein Weibi an, würde Christa am liebsten gleich mitnehmen. Ein Kübel Fischfutter wäre angemessen? Nein, doch nicht. Er riecht meiner Frau zu streng nach Fisch.


Ein Reiher wundert sich ziemlich sicher über das Verhalten von uns Menschen. Er würde das Fischfutter meiner Angetrauten vorziehen, keine Frage. Aber nachdem das Angebot nicht ihm galt, muss er wohl weiter auf unvorsichtige Fische warten.

Ein Kanadareiher, eine unserer seltenen Sichtungen, hatte sich offenbar verlaufen oder verflogen. Hier ist nicht Florida, hier ist nicht Kuba, hier ist auch nicht Kanada.

Heute, bei diesem Wetter, wirkt der Hearst San Simeon State Park wie komprimierte Nordsee-Landschaft, nur etwas wärmer.

Hearst Castle
Wir konnten auf unserer Reise leider nicht ins Schloss, wollen Euch dieses Juwel aber nicht vorenthalten.
Um Hearst Castle wenigstens ansatzweise verstehen zu können, muss man die Geschichte seines Schöpfers zumindest in groben Zügen kennen: William Randolph Hearst (1863-1951), der Mann, der Hearst Castle konzipierte, war ein echtes Mediengenie mit großem Einfluss auf Politik, Hollywood und die Kunstwelt. Selbst das Leben des durchschnittlichen Amerikaners hat er mitbestimmt.
Mit einem Multimillionär als Vater gesegnet, war es ihm bereits in seiner Kindheit möglich, Europa, die „Alte Welt“, zu bereisen. Es war eine Reise, auf der er von Burgen und Schlössern, aber auch von Kunst und Geschichte fasziniert wurde. Wieder zurück in den Vereinigten Staaten, wurde ihm die beste nur denkbare Ausbildung zuteil, die für Geld zu kaufen war. Und er nutzte sie.
Während er noch in Harvard studierte, erhielt sein Vater den „San Francisco Examiner“ an Zahlungs statt für eine hohe Spielschuld. Der junge Hearst versuchte bereits damals, seinen Vater zu überreden, die Zeitung an ihn zu übergeben. 1887 gab der Alte nach und überschrieb das Blatt seinem Sohn, der die Zeitung komplett, aber sehr erfolgreich, umbaute. 1895 erwarb William Randolph Hearst das „New York Morning Journal“. Es war die zweite Zeitung in einer langen Reihe von Akquisitionen und Neugründungen, die er in den folgenden Jahren tätigte.
In den 1940er Jahren besaß er 25 Tageszeitungen, 24 Wochenzeitschriften, 12 Radiosender, 2 weltweite Nachrichtenunternehmen, das Cosmopolitan-Filmstudio und einige andere Medienfirmen. Es war eine Zeit, in der sich ein Viertel aller US-Amerikaner ihre Nachrichten aus seinen Boulevard-Zeitungen holte.
Am Beginn seines Aufstiegs als Medien-Tycoon stand der Spanisch-Amerikanische Krieg von 1898. Dieser bewirkte u.a eine dramatische Veränderung der Zeitungslandschaft Amerikas (und letztlich der gesamten Welt). William Randolph Hearst war an der Hetze, die letztlich zum Krieg führte, mit seinem New York Morning Journal ebenso federführend beteiligt wie Joseph Pulitzer, der einst zu den Mentoren Hearsts zählte, mit seiner New Yorker Zeitung „World“.
Die beiden Herausgeber lieferten sich zu der Zeit ein regelrechtes Gemetzel um Sensationen. Ob Nachrichten echt oder manipuliert waren, war beiden völlig egal. Hauptsache, die Auflage stimmte. Erst nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg distanzierte sich Pulitzers World von dieser Art Journalismus und betrieb ab dann den schonungslosen, gut recherchierten, investigativen Journalismus, während Hearst weiterhin auf das sensationsgeile Publikum setzte.
William R. Hearst war aber vor allem ein Visionär – geschäftlich ebenso wie politisch oder privat. Auch wenn er politisch in mehreren Anläufen grandios scheiterte: Seine Visionen, sein unbändiger Wille und seine finanziellen Mittel ermöglichten Hearst Castle, eines der seltsamsten und beeindruckendsten architektonischen Abenteuer der Gegenwart. Dort lebte er das aus, was er in Europa kennen und schätzen gelernt hatte.

Als 1919 seine Mutter starb, zog er auf die 680km² große Farm in San Simeon um. Die Farm hatte früher seinem Vater gehört. Um 37 Mio. US-Dollar – heute wertmäßig mehr als 500 Mio. Dollar – baute er lange Jahre sein „Schloss“ nach ganz persönlichen Vorstellungen. Er nannte es „Hearst Castle“. Dort fanden in den wilden 1920ern und 1930ern regelmäßig exzessive Partys mit Hollywood-Größen und Starlets statt.
Das Bauvorhaben war so umfangreich, dass 1951, als William Randolph Hearst starb, Hearst Castle nach fast 30-jähriger Bauzeit noch immer nicht restlos fertiggestellt war. 165 Zimmer, zahlreiche Nebengebäude, ein Außen- und ein Innenpool, 127 Hektar große Gärten, ein kleines Kino und drei großzügige Gästehäuser waren aber bereits benutzbar.
Hearst Castle wurde 1957 den California State Parks zur Verwaltung übergeben. Heute kann jeder, der dafür zahlen möchte, dieses architektonische Denkmal (immerhin ein National Historic Landmark) und Museum auf geführten Touren besuchen. Eine Anmeldung ist allerdings unbedingt notwendig; dazu war es leider bereits zu spät, als wir dort waren. Eine Übersicht über die verschiedenen Touren findest du unter http://hearstcastle.org/tour-hearst-castle/daily-tours/.
San Simeon
Jetzt aber tatsächlich das „echte“ San Simeon, ein langes Dorf, schwach besiedelt mit überraschend wenigen Häusern. Wobei das Bestimmende der fantastische Strand bleibt. Teils sandig, aber immer auch felsig.
„Zebras!“ Das war meine Christa. Was? Zebras? Ich kann das nicht glauben. Zebras, direkt am Straßenrand, friedlich auf braungebranntem Gras, das aussieht, als hätte es zu lange im Solarium gelegen, weidend? Ich staune nicht schlecht und kehre um. Das muss ich sehen. Und tatsächlich, da stehen sie. Wir können das Auftreten von Zebras im Westen der USA – in freier Wildbahn – also auch bildlich belegen.

Das Rätsels Lösung: Die Zebras gehören zu Hearst Castle, wo William Randolph Hearst einst den größten Privat-Tiergarten der Welt besaß. Zebras waren damals eine der vielen Attraktionen. Als Hearst 1937 in ernste finanzielle Schwierigkeiten kam, musste der Zoo reduziert werden. Hearst hatte ohnehin hauptsächlich Raubtiere in speziellen, vergitterten Gehegen. Diese wurden großteils an Zoos übergeben, manche auch verkauft.
Kamele und Dromedare wie auch Lamas, Zebras, Antilopen, Mähnenspringer, Hirsche aus aller Herren Länder, Yaks etc. wurden seinerzeit in riesigen Freigehegen nahe den Fahrtwegen gehalten. Hearsts Gäste sollten durch die „freilebenden“ exotischen Tiere auf Hearst Castle beeindruckt werden. Von diesen Tieren, die keine größeren Kosten verursachten, durften viele bleiben.
Die Zebras sind die Nachkommen dieser Tiere und eine der wenigen Arten, die noch heute da sind, wo ihre Vorfahren bereits gelebt haben.
Wampum Trading Post
Kaum haben wir uns von dem ungewohnten Anblick erholt, trifft uns die nächste Kuriosität mit voller Wucht: Die „Wampum Trading Post“ bietet auf dem Castillo Drive, gleich neben dem Highway, „Southwestern Indian Jewelry Handcrafts“ an.

Auf den ersten Blick scheint sich die Wampum Trading Post aber nicht zwischen „gepflegtem Zerfall“ und „gehobenem Mistplatz“ entscheiden zu können. Erst beim Betreten bessert sich das Bild, und auch die Bedienung ist durchaus freundlich-schrullig. Die Öffnungszeiten sind, wie ich von Kennern der Gegend erfahren durfte, etwas unrund. Wer sich an den angegebenen Öffnungszeiten („10 to 5“) orientiert, kann schon manchmal vor verschlossenen Türen stehen.
Old San Simeon School House
Wir lassen Hearst Castle (siehe Kasten weiter oben) rechts liegen; wie immer, wenn wir nicht ein halbes Jahr zuvor gebucht haben. Anstatt nach rechts in die Hearst Castle Road biegen wir nach links in die Slo San Simeon Road ein. Auch dort wartet Erstaunliches auf uns: Rechts der Straße, mitten in einer Wiese mit dreieckiger Grundfläche, begrenzt von Slo San Simeon Road, San Simeon Road und Cabrillo Highway, steht eine kleine, mittlerweile verlassene Schule, die man von weitem leicht mit einer kleinen Kirche verwechseln könnte.

Sebastian’s
Und bevor die Straße eine scharfe Ecke mit der San Simeon Road bildet, steht „Sebastian‘s“.
Sebastian‘s ist nicht einfach ein Geschäft. Sebastian‘s ist State Historical Landmark No. 726 und seit 1914 ohne Unterbrechung in Familienbesitz. Von seiner ursprünglichen Bestimmung als Store zeugt heute hauptsächlich die Beschilderung. Viel eher wird Sebastian‘s heute von Touristen als Quelle leckerer Salate und anderer köstlicher Schweinereien angenommen.



Bevor ich‘s vergesse: Meine Liebste hatte hier 2009 ein prägendes Erlebnis: In einem der köstlichen Salate verlor sie einen Zahn. Ein angerösteter Semmelwürfel, auch „Crouton“ genannt, war der Täter. Wiewohl meine Frau, Heldin aus Berufung, nicht klagte, war die Welt danach eine andere. Zwei Fragen bestimmten die Zukunft: „Wo bekommen wir einen guten Zahnkleber, um den abgebrochenen Rest bis zur Rückkehr wieder zu befestigen?“ und „Wo gibt es Essen hauptsächlich flüssig?“ Den ersten haltbaren Kleber fanden wir erst in Carmel-by-the-Sea.
Strandfest beim Arryo del Puerto
Beim Arryo del Puerto, dem „Bach, der zum Hafen führt“, findet heute ein Volksfest statt.



Der Auflauf ist groß, Tische und Sessel in Massen. Auch ein paar seltsame Menschen mit behaarten Waden, die unter Röcken hervorragen. Was höre ich da? Dudelsäcke an der West Coast? Ja, echt.

Piedras Blancas Elephant Seal Rookery
Wir bleiben in San Simeon, immer der Küste entlang. Etwa 7 m weiter nördlich von Sebastian‘s, 3 m vor dem Leuchtturm bei Piedras Blancas, hören wir lautes Grölen aus Richtung des Strandes. Wir stoppen auf einem der Parkplätze und gehen ein paar Schritte Richtung Strand.
Das erste, was wir sehen, sind die eindrucksvollen Felsen im sagenhaft blauen Meer.

Nachdem die Küste dort steil abfällt, sehen wir die Tiere erst spät. Da pöbeln ein paar Nachwuchs-Halbstarke des Nördlichen See-Elefanten herum und proben den Aufstand. Die Rüssel sind noch nicht besonders ausgeprägt. Was aussieht wie Schmusen, ist eine echte, wilde und manchmal auch blutige Keilerei.

In dieser derzeit weltweit größten See-Elefanten-Kolonie („Elephant Seal Rookery“) leben bis zu 17.000 dieser bis zu 4,20m großen und bis zu 2.500kg schweren Raubtiere. See-Elefanten verbringen 90% ihres Lebens im Wasser. Nur im Spätherbst, zur Paarungs- und Wurfzeit bzw. zum Fellwechsel kommen sie für längere Zeit an Land.

Eines fällt uns auf: Trotz der vielen dicht an dicht lebenden Tiere stinkt es hier nicht annähernd so, wie wir es bei der Seelöwen-Kolonie in San Francisco an Pier 9 vor wenigen Jahre erlebt hatten. Vielleicht putzen See-Elefanten ihre Zähne besser als Seelöwen?
Und dann: Kennst du den Truthahngeier? Nein, der ist kein Aprilscherz, den gibt es tatsächlich.

Über den See-Elefanten kreisen deren zwei. Truthahngeier sind eine Art aus der Familie der Neuweltgeier und kommen nur in Amerika vor. Von Feuerland an der Südspitze Südamerikas bis nach Mexiko sind sie ganzjährig zu Hause. Die USA besuchen sie, wie die meisten gelernten Touristen, nur während des Sommers. Den Namen haben sie sehr wahrscheinlich von ihrem tiefrot gefärbten Kopf, der auch nicht viel schöner ist als der eines Truthahns.
Jetzt aber – im nächsten Beitrag – kommen wir tatsächlich nach Big Sur.