„Big Sur, Stadtzentrum“ hatte ich unserem Navi eingegeben. Schwerer Fehler: Big Sur ist eine Region, kein Ort, keine Stadt. Wieso hat Big Sur dann eine eigene Postleitzahl? Wieso muss jede Adresse in dieser Gegend „Big Sur“ als Ortsnamen aufweisen? Jedenfalls lässt uns das Navi mitten auf offener Straße fallen wie zwei heiße Kartoffeln. „Ihr Ziel ist erreicht.“ Punkt. Na ja, das war wohl nichts. Aber wir lernen schnell.
Was und wo ist Big Sur?
Big Sur reicht – je nachdem, welchen Einheimischen du fragst – entweder über die 120 km von Ragged Point oder von San Simeon im Süden über etwa 150 km jeweils bis zu Carmel-by-the-Sea im Norden. Auch die Quellen im Netz sind sich nicht einig über die Länge von Big Sur. Also sind wir das Problem anders angegangen:
Der beliebte „Big Sur Coast Highway“-Abschnitt des Highway 1 (San Carpóforo Creek bei San Simeon bis Malpaso Creek südlich von Carmel Highlands) ist offiziell mit 71,2 Meilen (113,9 km) Länge angegeben. Mit den Verbindungsstücken bis ins Ortszentrum von San Simeon und Carmel-by-the-Sea kommen wir dann ziemlich genau auf 93,8 Meilen (151 km). Für uns in diesem Bericht zählen diese 151 km zwischen San Simeon und Carmel. Wobei diese beiden jeweils eigene Kapitel bekommen haben. Lasst Euch nicht davon irritieren, dass manche Berichte im Web von 120 bzw. 150 Meilen schreiben; Fehler passieren überall.
Noch etwas sollte erwähnt werden: Da die Santa Lucia Mountains in diesem Bereich größtenteils bis zum Pazifik reichen, kommt es immer wieder zu Felsstürzen, die viele Kilometer der Küstenstraße unpassierbar machen. Es kann also durchaus sein, dass Ihr die Strecke nicht in einem befahren könnt, wie uns das möglich war.

Es wohnen in diesem Landstrich ganzjährig etwa 1.850 Menschen. Das ist wirklich nicht viel. Big Sur gilt somit einer der am wenigsten besiedelten Landstriche der USA, wenn wir mal die Wüstengebiete ausklammern.
Auch die Aussprache von „Big Sur“ ist ebenso vielfältig und abhängig von der jeweiligen Auskunftsperson wie die Berechnung der Küstenkilometer von Big Sur. Wir bewegen uns eben in einem freien Land. Von „Big Sör“ über „Big Sur“ bis „Bis Schur“ (und einiges dazwischen) variierte die Aussprache der Bewohner.
Wir haben dann nachgezählt: Die meisten votierten für „Big Sur“ mit gutturalem „u“ (mit kaum hörbarem Abgang von einem „ö“ weit hinten im Gaumen) plus halbverschlucktem „r“. Nun, man kann schließlich nicht von jedem Einheimischen verlangen, dass er das Oxford Dictionary, das eindeutig für „Big Sör“ plädiert, auswendig gelernt hat. Noch dazu in den Vereinigten Staaten. Bemerkenswert ist die Vielfalt für uns aber schon. Immerhin werden die Einwohner doch zeitweilig miteinander reden, oder?

Big Sur erachte ich persönlich als die schönste Gegend der gesamten Westküste. Schon gar, wenn wir San Simeon und Carmel-by-the-Sea mitrechnen. Traumhaft schöne, meist wilde Landschaft. Nur wenige offensichtliche Zeichen von Zivilisation. Nimm dir Zeit und genieße! Aber hüte dich vor Tankstellen!
Sicherheitshalber sollte ich für alle Freunde, die diesen Küstenabschnitt besuchen wollen, anmerken: Die Straße ist bereits von Morro Bay an Richtung Nordwesten eine echte Küstenstraße. Nachdem sich die Küste an den meisten Stellen rasant zum Landesinneren erhebt, fühle ich mich dort manchmal an die Autobahn bei Genua erinnert. Nur schmäler und steiler ist die Straße hier, aber es sind ebenso viele Kurven, die bei 90 km/h etwas unerwartet daherkommen, wenn du die Warntafeln nicht beachtest.
Wie auf allen Straßen, die sich langsame Autos mit noch langsameren teilen, gibt es eine Segnung der amerikanischen Verkehrsentwicklung: „Turn Out“. Das ist keine Kriechspur, für die dort kein Platz wäre, sondern ein kurzes, erweitertes Bankett, auf denen langsame Fahrer die nachfahrende Kolonne vorbeilassen können.
Das funktioniert gut, solange nicht Touristen aus Good Old Europe die Schleicher sind. Die verstehen diese Verkehrserleichterung nämlich nicht, so wie eine blonde Dame in einem schwarzen GMC Yukon XL, die uns bei erlaubten 90 km/h ca. 20 km und sieben Turn Outs mit 20-40 Sachen nachzuckeln ließ. Erfreulich allerdings, dass trotzdem keiner der Nachfahrenden die Nerven verlor, wie das wahrscheinlich in unseren Landen schon nach 5 km passiert wäre.
Ragged Point
17 km nördlich von der Elephant Seal Rookery passieren wir Ragged Point. Im Wesentlichen besteht diese „Siedlung“ aus Hotel, Restaurant, einem kleinen Shop und einer ebenso kleinen Tankstelle. Das sind aber nicht die Tankstellen, vor der wir dich warnen wollen. Die sind noch kleiner und kommen erst nach dem Julia Pfeiffer Burns State Park.
Das Ragged Point Resort bietet ein gemütliches Ambiente bei aufregender Lage: Die Gebäude kleben auf den Steilklippen wie Adlerhorste. Zur Aussicht der Zimmer, die zum Pazifik zeigen, zitiere ich diesmal die originale Werbung:
More than Just ‚ocean-view‘ rooms, all of our Cliff-Side Rooms and Deluxe Cliff-Top Rooms provide unobstructed vistas of the magnificent Big Sur Coast from atop of a 350-foot cliff.
Die restlichen Zimmer sind ebenso gemütlich, bieten aber „nur“ Aussicht auf einen wild-gepflegten Garten. Eines noch:
Our rooms have in-room phones; however, mobile phone reception may not be available (depending on your provider).
Ah ja. Gut, das wäre uns ziemlich egal. Wir würden hier wohl übernachten, hätten wir rechtzeitig von diesem Hotel erfahren. So aber müssen wir weiter. Wir lassen diesmal sogar das Restaurant aus. Dieses wird als sehr gut beschrieben, Reservierungen sind aber fast unumgänglich. Hier isst nicht nur der Hotelgast, auch in der Umgebung hat sich herumgesprochen, dass Küche und Service vorzüglich sind.
Kennst du „Pfahlrohr“? Wird auch „Arundo Donax“, „Riesenschilf“, „Spanisches Rohr“ oder „Giant Cane“ genannt und ist eine hochwachsende Schilf-Art, die früher rund ums Mittelmeer und im asiatischen Mittleren Osten heimisch war. Sie ist ein zähes Luder und wächst nahezu überall, wenn die Temperaturen mild genug sind. Deshalb hat man sie lange Zeit in gestörten Ökosystemen, auf zu sandigen Dünen und in Feuchtgebieten gepflanzt.


Heute gilt das Pfahlrohr in Kalifornien als lästiger Neophyt, der sich hier immer weiter ausbreitet. So ist das mit den Geistern, die man rief. Ich jedenfalls war „very impressed“ vom gehäuften Auftreten zwischen Ragged Point und Gorda. Schaut schon recht mächtig aus, das Pfahlrohr.

Gorda
Gorda. Ja, Gorda ist auch erwähnenswert. Bereits vor langer Zeit nutzten indianische Stämme die reinen Quellen von Gorda mit ihrem frischen Wasser. Erst 1878 wurde hier eine Raststation für Postkutschen errichtet, an der Reisende wie Pferde „gut gefüttert“ wurden. Gorda wuchs zur Zeit des Goldrauschs zur kleinen Stadt, hat aber bis heute die Postadresse „Big Sur“ (und nicht „Gorda“) behalten.
Jetzt stehen hier ein großes Hotel („Gorda Springs Ocean Side Resort“) und die teuerste Tankstelle der USA. Am 26. April 2008 wurde hier, in Gorda, der absolut höchste Benzinpreis der USA notiert: USD 6,70 pro Gallone. Mit einem Teil davon werden die etwa täglich 100 Gallonen Diesel subventioniert, die die Stadt für ihre Generatoren benötigt. Auch ist der hohe Preis – im Gegensatz zu dem bei der in Kürze folgenden Tankstelle nahe des Pfeiffer Big Sur State Parks – an der Zapfsäule korrekt angeschrieben; man kann also meist wählen, ob man hier oder anderswo tanken möchte.
Plaskett, ein weiterer kleiner Ort, liegt nur 6 km weiter nördlich und ist eine begehrte Urlaubsdestination für Zivilisationsflüchtlinge.
24 km weiter nördlich dann die Big Creek Bridge. Sie unterscheidet sich von den anderen, weil sie den Big Creek in zwei Bögen überspannt. Bei den weiteren Brücken reicht ein Bogen aus.

Von dort aus ist es nur mehr ein Katzensprung bis zum Julia Pfeiffer Burns State Park.
Julia Pfeiffer Burns State Park
Next Stop Julia Pfeiffer Burns State Park. Waterfall Overlook, ein absolutes Muss. Die interessante Geschichte dieses Parks und seiner Gründerin (das war nicht Julia Pfeiffer Burns, die war damals schon fast 50 Jahre tot) findest du im separaten Info-Kasten weiter unten. Verpass diesen Aussichtspunkt nicht, wenn du in der Nähe bist!
Zunächst sind 10 USD für die Erhaltung des Parks zu entrichten, dafür darfst du auch dein Auto auf den Parkplätzen des Parks abstellen. Danach geht es durch einen Tunnel unter der Straße zum „Waterfall Overlook“, von wo aus die meisten Highlights gut zu sehen sind.


Der erste Blick lohnt bereits das Eintrittsgeld:


Der Park ist viel größer, als er auf den ersten Blick erscheint. Der 1,5 km² große Julia Pfeiffer Burns State Park reicht nämlich von der felsigen Pazifikküste bis zu den Santa Lucia-Bergen. Auf dieser Seite steht auch das „Tin House“ bzw. dessen nach einem Brand übrig gebliebenes Gerippe, das nur mehr vor sich hin rostet; mehr dazu weiter unten. Ein Wanderweg führt dorthin. Allerdings brauchst du für den Weg Zeit und gesunde Waden: Es sind in eine Richtung 5-6 km, der Weg führt zeitweilig steil bergan.
Ein Bach, der McWay Creek, fließt durch den Park und stürzte sich seinerzeit über einen Granitfelsen aus 25 m Höhe direkt ins Meer. Zu Lebzeiten der McWays, Browns und Pfeiffers und noch Jahre später war der Wasserspiegel unterhalb des Wasserfalls um gut vier Meter höher als heute. Erst 1983-84, im Zuge von Straßenbauarbeiten, wurde ein Bergrutsch ausgelöst, der den Boden der Bucht, McWay Cove, um etwa vier Meter aufschüttete; ein kleiner, unzugänglicher Strand entstand auf diese Weise. Aber das Wasser fällt seither nur mehr bei Flut direkt ins Meer. Schade, aber auch so ist der McWay Waterfall ein opulentes Mahl für die Augen.

Die Vegetation ist für ein derartig felsiges Gebiet ausgesprochen üppig. Tanoaks („Lithocarpus densiflorus“, können 300 bis 350 Jahre alt werden), Amerikanische Erdbeerbäume, Chaparrals und Zypressen reichlich. Ja, nicht zu vergessen der Küstenmammutbaum („Californian Redwood“). Zu dieser Art gehören die mit bis zu 110 m höchsten lebenden Bäume der Welt. Und alt werden nicht nur Tanoaks. Küstenmammutbäume erreichen üblicherweise ein Alter von etwa 600 Jahren. Einzelne Exemplare werden aber auch über 2.000 Jahre alt, bei einem Exemplar wurde bei einer Zählung der Jahresringe ein Alter von 2.200 Jahren festgestellt. Der Küstenmammutbaum ist übrigens der Staatsbaum von Kalifornien.

Der ehemalige Gemüsegarten hinter dem Waterfall House ist heute kaum mehr zu erkennen und mit Zypressen und Pinien völlig zugewachsen. Leider haben Helen und Lanthrup Brown in der Nähe des Waterfall Houses aber auch einige in dieser Gegend üblicherweise nicht heimische Palmen und Eukalyptusbäume gepflanzt, denen das Klima dort sehr behagt.
Diese Bäume stehen noch heute rund um die Überreste des Hauses. Sie haben sich aber dermaßen prächtig entwickelt, dass sie die Aussicht auf die Küste von Big Sur, teilweise sogar auf den Wasserfall, stark einschränken. Aktuell werden zu diesem Thema Erhebungen durchgeführt. Kann sein, dass diese importierten Exoten beim Waterfall House in absehbarer Zeit entfernt werden. „Renaturalisierung“ ist immerhin eine der Stärken der US-Amerikaner.
Tiere gibt es im Julia Pfeiffer Burns State Park, zumindest im oder über dem Wasser, ebenfalls einige: Du kannst mit etwas Glück im Dezember und Januar sogar Grauwale auf ihrer Wanderung südwärts nach Baja California und im März und April auf ihrer Wanderung wieder nach Norden beobachten. Robben und Kalifornische Seelöwen sowie gelegentlich auch Seeotter werden immer wieder vor der Küste gesichtet. Auch zahlreiche Vögel, wie z.B. Kormorane, Möwen, Braunpelikane und Austernfischer, bevölkern den Küstenabschnitt.
Bevor ich‘s vergesse: Unmittelbar vor der Küste liegt auch die 680 Hektar große Julia Pfeiffer Burns Underwater Area, ein 1970 eingerichtetes Tauchgebiet.

Entstehung des Parks
Julia Pfeiffer (später „Pfeiffer Burns“) erreichte die Gegend 1869, als sie noch nicht mal ein Jahr alt war. Ihre Eltern, Michael and Barbara Pfeiffer, waren bei ihrem anstrengenden Treck die Küste entlang gezwungen, in Big Sur zu überwintern und entschlossen sich dann, dort zu bleiben. Ende der 1870er Jahre ließ sich dann auch Christopher McWay, aus New York kommend, mit seiner Frau Rachel im Gebiet des heutigen Big Sur nieder. Er baute eine Ranch auf, die er „Saddle Rock“ nannte, weil ihn eine Felsenformation in der Nähe des Wasserfalls bei der McWay Cove an einen Sattel erinnerte.
Noch sind nicht alle Protagonisten der Geschichte zusammen, aber das wird noch.
Julia Pfeiffer blieb bis zu Ihrem 46. Lebensjahr ledig und arbeitete hauptsächlich auf der Farm ihres alternden Vaters. Sie schuftete selbst sehr hart und kümmerte sich um die Rinder, molk sie, mähte die Wiesen, pflügte, säte, erntete, wartete die Maschinen teilweise in Eigenregie und sorgte sich überdies auch um die Kräuter und Blumen in den Gärten selbst. Da blieb kaum Zeit für Männer.
Erst 1915 heiratete sie John Burns, der ebenfalls Gutsbesitzer aus der Gegend war, und ließ sich mit ihrem Mann am Burns Creek, unmittelbar hinter dem Bergrücken zum McWay Creek, nieder. Die Burns waren sehr genügsame Menschen. Sie hielten auf ihrer Ranch hauptsächlich Rinder und teilten sich die Arbeit sowohl im als auch außer Haus sehr gemeinschaftlich. Während Julia auch in reiferem Alter eher ein ruheloser Wildfang blieb, war John der ruhende Pol in der Beziehung wie auch bei der Arbeit. Sie galoppierte zu Pferd über die Hügel, um sich um das Vieh zu kümmern, während er zu Fuß unterwegs war, um Zäune zu reparieren oder eher „materialschonend“ ritt.
Später pachteten die Burns noch „Hot Springs“, dort, wo heute das Esalen Institute, ein Studien- und Kongresszentrum, steht. Julia war für die Unterbringung und Verköstigung der Besucher zuständig. Sie war Zeit ihres Lebens eine hart arbeitende Pionierin geblieben. Wie hart sie auch arbeitete: Sie liebte Menschen, tanzte gerne und unternahm mit Kindern sehr beliebte, weil interessante und lustige Exkursionen an die (heutige) Pfeiffer Beach.
Die Saddle Ranch ging nach McWay durch mehrere Hände, bis sie 1924 vom ehemaligen New Yorker Kongressabgeordneten und Studienfreund Franklin D. Roosevelts Lathrop Brown erworben wurde.

Er und seine Frau Helen suchten damals, von Carmel südwärts ziehend, ein Stück unberührte Natur. Und hier fanden sie es. Hier gab es keine Verkehrsstraßen, kaum Menschen, aber viel atemberaubende Wildnis. Auch wenn du in anderen Quellen davon lesen solltest, dass der Kauf erst in den frühen 1930er Jahren stattgefunden haben soll, es war bereits im Jahr 1924, wie auch durch den Rest meiner Recherchen ziemlich gut nachvollzogen werden kann.
Julia Pfeiffer Burns und ihr Mann mieteten von den Browns einiges Weideland, dabei lernten sich Julia und Helen kennen.
Helen Hooper Brown kam wie ihr Mann von der Ostküste und war bereits mit 15 Jahren Waise und Eisenbahn-Erbin mit einem 10 Millionen Dollar-Vermögen. Sie war sehr unabhängig, kümmerte sich selbst um ihre Ausbildung in Europa und war schon vor der Bekanntschaft mit ihrem späteren, pferdeverliebten Mann selbst eine recht erfolgreiche Pferdenärrin. Vielleicht war sie gerade wegen ihres selbstständigen Lebens, das keinerlei vermögensbedingte Einschränkungen kannte, so beeindruckt von der praktisch veranlagten Pioniersfrau Julia Pfeiffer Burns.
Die beiden Frauen wurden enge Freundinnen und blieben es auch über die letzten Lebensjahre von Julia, die 1928 starb. Dass Helen Hooper Brown in ihrer Schenkung an den Staat bestimmte, dass der Park nach Julia Pfeiffer Burns und nicht nach ihr benannt werden sollte, zeugt heute noch von dieser engen Freundschaft und davon, wie sehr Helen ihre Freundin Julia schätzte.
Nach dem Kauf der Saddle Ranch riss Lanthrup Brown das alte Ranchgebäude nieder und ersetzte es durch einen stabilen Holzbau aus dem Holz von Mammutbäumen. 1939 begann dann der Bau eines zweistöckigen Prachtbaus aus solidem Kalkstein, des Waterfall Houses. Die gewählte Stelle liegt auf halbem Weg zwischen dem damals eben fertiggestellten Highway und der Küste.

Eine Enkelin, Pam Grossman, erinnerte sich noch im Jahr 2013 an die schwarze Marmortreppe und das riesige Fenster aus feinstem Tafelglas an der Front, durch welches die unglaublich schöne Landschaft nahezu barrierefrei bis in den Wohnbereich kam. Innen hingen Gemälde von Degas, Dufy und Gauguin. Pam erinnerte sich auch an die terrassenförmigen Gärten, die an der Rückseite der Residenz begannen und bis zur Unterkunft des Hausverwalters reichten.
Vom damals erst errichteten Highway waren diese Unterkunft und das Haupthaus über Schienen mittels einer kleinen Standseilbahn erreichbar, die mit einem Bergwerkskarren bestückt war. Diese kleine „Bahn“ wurde von den Browns liebevoll „Big Sur & Pacific“ genannt.
Die Big Sur & Pacific wurde, wie nahezu alles auf der Ranch, mittels einer Pelton-Turbine betrieben. Die Pelton-Turbine ist eine Freistrahlturbine, die auch heute noch hauptsächlich in Wasserkraftwerken mit geringer Wassermenge eingesetzt wird. Auch Scotty‘s Castle (siehe Band „Gulliver‘s Land“) wurde über eine Pelton-Turbine mit Energie versorgt. Die Residenz der Browns war eines der ersten elektrifizierten Wohnhäuser der Gegend und energetisch autark.
In diese Zeit fällt mit ziemlicher Sicherheit auch die Verlegung des Wasserfalls um ein paar Meter. Die ursprüngliche Stelle war vom Haus aus schlecht zu sehen, auch konnte dort das Wasser wegen des geringeren Gefälles keine so schöne Kaskade bilden.
Die Browns lebten nach der Fertigstellung von Waterfall House, wenn sie nicht gerade den Kontinent bereisten, mal in ihrer ebenfalls prachtvollen Residenz in Boston, mal im Waterfall House in Big Sur.
Helen litt an Arthritis und wollte ein zweites Haus oberhalb der Nebel, die auch im Sommer morgendlich über dem Küstenstreifen lagen. Dieses Haus in Big Sur, das heutige Tin House („Blechhaus“), von den Browns selbst „Gas Station“ genannt, bauten sie 1944 weiter oben, am Ende des Ten Bark Trails, etwa 5km weiter nördlich. Der Platz war damals nahezu unzugänglich und nur über einen steilen Fußweg erreichbar. Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs war Baumaterial nicht leicht aufzutreiben. Also kauften die Browns zwei alte Tankstellen aus Stahl, ließen sie abbauen und zu einem Haus in den Bergen wieder zusammenschweißen.
Vom Tin House aus – die nach einem Brand verfallenen Reste stehen noch – gab und gibt es einen fantastischen Panoramablick auf die Küste von Big Sur. Ja, die Browns wussten gute Aussicht wirklich zu schätzen. Warum sie allerdings damals in das neue Haus kein einziges Fenster in Richtung der besten Aussicht einbauten, konnte nicht einmal Pamela Grossman sagen.

Tagsüber war es heiß, während der Nacht kühlte es in der Höhe von etwa 900m stark ab. Das Tin House war eine Stahlkonstruktion, nur Fundament und Terrasse waren betoniert. Es kam, wie es kommen musste: Während der Nacht erzeugten die sich in der Kälte zusammenziehenden Stahlbauteile andauernde und unheimliche Geräusche, bei denen kein Mensch schlafen konnte. Nach nur einer Nacht war Helen bereits davon überzeugt, sich eher mit den Morgennebeln arrangieren zu können. Sie schlief nie wieder dort oben. Die Browns waren ohnehin nur sporadisch in Big Sur. Sie reisten ansonsten viel in der Weltgeschichte umher.
Letztendlich übersiedelten sie 1956 nach Florida und kamen nie mehr zurück nach Big Sur. Lathrop Brown starb im November 1959 in Fort Myers, seine Asche ruht im Manasota Memorial Park in Bradenton, ebenfalls in Florida gelegen.
1961 überschrieb Helen Hooper Brown die gesamte Liegenschaft in Big Sur dem Staat mit der Auflage, den so entstandenen Naturpark nach Julia Pfeiffer Burns, „a true pioneer“, wie sie anmerkte, zu benennen. Weitere Auflagen waren, dass der Teil des Grundstücks, der westlich des Highway liegt, frei von weiteren Bauten oder anderen Verbesserungen oder Veränderungen von Menschenhand bleiben sollte.
Das Waterfall House sollte zu einem Museum für die Geschichte Big Surs mit historischen Funden und einheimischen indianischen Relikten – sie selbst und ihr Mann hatten einige der vorgesehenen Ausstellungsstücke zusammengetragen – werden. Weiters sollte das Museum auch Flora und Fauna der Gegend Besuchern näherbringen.
Sollte das nicht innerhalb von fünf Jahren geschehen, bestimmte sie, dass das Waterfall House abgerissen werden müsse. Die Behörden ließen die Fünf-Jahres-Frist verstreichen. Also wurde das Haus niedergerissen und der Bauschutt mit einem Bulldozer in den unmittelbar darunter liegenden Ozean gekippt. Nur die Fundamente, der Großteil der einstigen Terrasse und einige Fragmente der steinernen Treppe blieben bis heute erhalten.
Helen Hooper Brown starb 1977, erst 18 Jahre nach ihrem Mann. Sie ruht heute im selben Grab wie dieser im Manasota Memorial Park in Bradenton, Florida.

Pfeiffer Big Sur State Park
Wir fahren weiter nach Norden und stoßen nach einiger Zeit auf eine Tankstelle, die uns seit Oktober 2009 in Erinnerung ist und bleiben wird. Diese Tankstelle liegt nicht ganz 19 km nördlich vom Julia Pfeiffer Burns State Park, kurz vor dem Pfeiffer Big Sur State Park. Allerdings liegt die Tankstelle links, fast versteckt auf einer Anhöhe neben der Straße. Gut, dass wir uns noch erinnern. Wir haben daher vorher reichlich getankt, um es nicht wieder zu müssen.
2009 aber mussten wir, weil die Tanknadel steckengeblieben war und erst nach einem Schlagloch zur Erkenntnis kam, dass der Treibstoff alle war. Die nächste Tankstelle war eben diese.

Zunächst schien alles in Ordnung, der angeschriebene Preis war hoch, aber wegen der einsamen Lage verständlich. Die Überraschung kam erst beim Zahlen. Der Tankwart wollte fast genau den doppelten Betrag dessen, was die Zapfsäule anzeigte. Darauf angesprochen meinte er, der angeschriebene Preis gelte nur für „Residents“. Er setzte gleich nach, dass er, würden wir nicht augenblicklich bezahlen, auch gerne den Sheriff holen könne. Die „Walking Deads“ im Hintergrund begannen auch schon, uns seltsame Blicke zuzuwerfen und sich zusammenzurotten. Und ich sage euch, so ein Baseballschläger kann unter solchen Umständen ganz fürchterlich aussehen. Wir waren froh, nach Aushändigung unserer Barschaft unbeschadet das Weite suchen zu dürfen.
An den schwindelerregenden Preisen und dem rustikalen Umgangston dürfte sich seit unserem Besuch 2009 nicht viel geändert haben, wenn wir die wenigen Bewertungen im Internet durchsehen. Da findet sich ein Eintrag von Kelly Cohen aus 2015:
Be aware bIG THIEFS!!! More than 5$ a gallon!!
AYDIN Y aus Istanbul ist ebenfalls ganz entsetzt:
Big Sur Shell ! Big Thief !
Watch out for the gas prices ! ! !
Tripadvisor
This is legally stealing !
So, fill up in Monterey but never in Big Sur.
You will feel like a fool and it says „no gas station next 40 miles“ !
Monopoly next 40 miles 😉
Auch unter https://www.yelp.com/biz/shell-big-sur findet sich ein ähnliches Bild. Also vor der Fahrt durch Big Sur ausreichend tanken!
In Big Sur, 19 km nördlich vom Julia Pfeiffer Burns State Park, liegt der Pfeiffer Big Sur State Park. Und der hat tatsächlich ursächlich mit der Familie Pfeiffer zu tun. Den Grundstock des heute 391 Hektar großen Parks bilden nämlich 64 Hektar Land, die John Pfeiffer, der Sohn von Michael und Barbara Pfeiffer und Bruder von Julia Pfeiffer Burns, 1933 dem Staat geschenkt hatte. Seine Schwester Julia war damals bereits seit fünf Jahren tot.
Der Park liegt am Westhang der Santa Lucia-Berge in teilweise schwer zugänglichem Gebiet. Er bietet neben echtem Urwald auch die rekonstruierte Pionierhütte, in der John Pfeiffer lange Zeit lebte. Leider wurden Teile des Parks beim „Basin Complex Fire“ von 2008 zerstört.
Gleich bei der Parkeinfahrt verfahren wir uns. Ein Ranger bleibt hinter unserem Auto stehen, das ich am Straßenrand kurz abgestellt hatte, um in der Big Sur Lodge, zu der ich auch nicht zufahren durfte, Rat zu suchen. Die Big Sur Lodge wird mit „deep in the heart of Pfeiffer Big Sur State Park“ beworben, steht aber in der Realität unmittelbar nach der Einfahrt in den Park.

Sie verfügt über Zimmer und ein Restaurant, nicht aber über Fernseher, Radio oder Telefon. Der Verzicht auf diese Üblichkeiten des Lebens soll den Gästen helfen, zu entspannen. Und er hilft wahrscheinlich auch den Betreibern, Kosten zu sparen.
Leider sehe ich auf dem Weg zur Lodge ein paar Kinderzeichnungen, deren Eindringlichkeit mich beeindruckt. Sie sind von der Witterung schon ein wenig mitgenommen, nichtsdestotrotz: Meine Kamera ist sowieso an der rechten Hand angewachsen, also…
Der Ranger hat sehr wohl bemerkt, dass ich die Lodge nicht unmittelbar angepeilt hatte. Er ist maximal streng, macht ordentlich Druck: „You did not ask, you made pictures!“. Aber ich mache einen auf echt dümmlichen Touristen. Das ist für mich zu diesem Zeitpunkt keine schwierige Rolle.
Der Ranger, der sich zwischenzeitlich als Sheriff entpuppt – oups, das hätte in Österreich schief gehen können: Majestätsbeleidigung und so -, entlässt uns wenigstens ohne Bußgeld und auch sonst ungeschoren wieder raus aus dem State Park, den wir noch nicht mal betreten hatten. Nix Urwald. Gerade noch entkommen!
Nicht mal vier Kilometer weiter dann ein unerwartetes Highlight: Das River Inn liegt links der Straße inmitten von Blumen, Blumen, Blumen und poppig bemalten Autos.



Das River Inn bietet ein erstaunliches Sandwich mit „slowy-smoked beef“. Rinderschinken in seiner idealen Darreichungsform. Ja, manchmal hast du Glück.
Little Sur River Beach
Weiter nach Norden. Nach einem Drittel der Strecke zu unserem nächsten Tagesziel noch ein verzaubernder Blick auf den Little Sur River Beach:

Nur um wieder einmal klarzustellen: Auf unserer gemeinsamen Reise kann ich Euch bei weitem nicht alle Plätze zeigen, die meiner Meinung nach sehenswert werden. Allein an der kurzen Wegstrecke vom Pfeiffer Big Sur State Park bis zum Little Sur River Beach liegen beispielsweise auch Big Sur River Gorge (kostenpflichtige Sehenswürdigkeit), der Andrew Molera State Park, die Point Sur Naval Facility, der Point Sur State Historic Park und der Point Sur Lighthouse Vista Point. Aber wir können in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, leider nicht alle Sehenswürdigkeiten aufsuchen.
Point Lobos State Reserve

Vorbei am Otterreservat „California Sea Otter Game Refuge“ und dem Garrapata State Park erreichen wir die Carmel Highlands. Wir sind fast am Tagesziel, als wir Point Lobos erreichen.
Das Wetter ist schon wieder ein wenig diesig. Ein Jammer. Auf unseren bisherigen Reisen hatten wir anscheinend ausgesprochenes Glück mit dem Wetter, heuer ist es nicht ganz so. In Point Lobos waren wir allerdings schon mehrmals, also können wir auch mit Schönwetterbildern dienen. Und überraschenderweise tut der verhangene Himmel den Farben gar nicht weh.

Die Landschaft ist in diesem Naturschutzgebiet, wie an der gesamten Küste seit Big Sur, schlicht atemberaubend. Von Heidelandschaft bis Felsenküste reicht das Angebot. Bisher war es Felsenküste, die es auch in Point Lobos gibt. Heute allerdings wird es mehr Heidelandschaft werden.
Durch die ungewöhnlich steil abfallende Küste entstehen bei Point Lobos Gezeiteneffekte, bei denen ungewöhnliche Mengen an Sauerstoff ins Wasser gelangen.

Das wiederum zieht eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt an. Die hohe Plankton-Konzentration bietet Nahrung für viele Meeres-Lebewesen, die wiederum als reichhaltiges Nahrungsreservoir für Vögel und Säugetiere dienen.
Die Point Lobos State Reserve ist ein weites und großartiges Erholungsgebiet, das wissen auch Vögel, Seeotter, Robben und See-Elefanten, die an der felsigen Küste wohnen, ganz genau. „All You Can Eat!“ Traumhaftes Ferienparadies, um es mal deutlich zu sagen. Und das ganzjährig.
Wir hoffen noch immer auf besseres Wetter. Hoffen kann man ja, aber der Nieselnebel ist heute besonders zäh. Obwohl sonnige Tage schöner sind: Lange Wanderungen sind auf Point Lobos auch bei schlechtem Wetter möglich, wir „hiken“ dort heute ebenfalls eineinhalb Stunden, wie das auf Neudeutsch heißt (sogar der Duden kennt das Wort mittlerweile).


In Point Lobos ist auch die Monterey- Zypresse zu Hause, die nur mehr hier und im Del Monte Forrest bei Monterey selbst zu finden ist. Diese Zypressenart ist die größte und beeindruckendste der kalifornischen Zypressen und zählt mittlerweile zu den gefährdeten Arten. Die weltbekannte „Lonely Cypress“, die wir später noch am 17 Mile Drive besuchen werden, ist auch ein Baum dieser seltenen Art.
Was hier aber am meisten auffällt sind die vielen Vögel, die teils ziemlich keck posieren. Kaum scheu, aber wahrscheinlich haben sie gelernt, dass sie solche viel zu langsamen Riesen wie uns nicht zu fürchten brauchen.




Ah! Bevor ich‘s vergesse: Wir, meine Liebste und ich, sind keine Wasserratten. Wir fühlen uns unter Wasser schon gar nicht wohl. In den Gewässern um Point Lobos gedeihen aber, begünstigt durch den hohen Sauerstoffgehalt, ausgedehnte Tangwälder. Da mehr als die Hälfte des Naturschutzgebiets unter Wasser liegt, ist es leider nur Tauchern zugänglich.
Möwen in Point Lobos sind Menschen gewöhnt. 2009, als wir das erste Mal hier waren, hatten wir es einer Vertreterin dieser Art besonders angetan. Zuerst spazierte sie zwischen den Besuchern eines Parkplatzes umher, um sich Essensreste zu sichern. Als wir zu unserem Auto kamen, flog sie auf unser Autodach, beäugte mich, drehte sich zu meiner Angetrauten, beäugte dann wieder mich usw.
Selbst als wir uns ins Auto setzten und losfuhren, machte diese Möwe noch eine Weile auf Kühlerfigur. Erst als wir die Hauptstraße erreichten, flog sie wieder zum Parkplatz zurück.







