Hygienealltag bei Spar in Zeiten von Corona

Wir haben derzeit außergewöhnliche Zeiten: Corona geht um. Auch im gemütlichen Wien.

Carl Sandberg, der amerikanische Dichter, Romanautor, Journalist und Historiker hat für seine Biografie über Abbraham Lincoln zwar den Pulitzerpreis erhalten, ist aber mit einer Zeile aus seinem Gedicht “The People, Yes” unvergessen:

„Sometime they’ll give a war and nobody will come“ („Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“)

In Abwandlung möchte ich dir heute das Motto der österreichischen Supermarktkette Spar vorstellen: “Stell dir vor, Corona ist und keiner geht hin.” So habe ich es zumindest vorgestern empfunden. Obwohl ich treuer Spar-Kunde bin. Weil Spar noch ein österreichisches Unternehmen ist und ein bedeutender Arbeitgeber in Österreich.

SPAR zu Corona-Zeiten
Der letzte verbliebene wirklich bedeutende österreichische Mitspieler im überregionalen Lebensmittelhandel

Spielort Filiale Wien 7, Mariahilfer Straße 77. Bislang war es, während Corano wütete, so, dass ein Sicherheitsmitarbeiter beim Eingang für Masken sorgte, Desinfektionsmittel bereitstanden und die Haltestangen der Einkaufswagen bestmöglich desinfiziert wurden. Vorgestern war noch alles anders:

1.) Keine Masken, Keine Einweghandschuhe
2.) Keine Maskenkontrolle
3.) Keine Desinfektionsmittel
4.) Keine Desinfektion der gebrauchten Einkaufswagen

Ich wollte die Zentrale auf diese Missstände aufmerksam machen, damit sie abgestellt werden können. Telefonisch war das nicht möglich, “weil Corona”, also dann schriftlich. Ungern von beiden Seiten. Ich ziehe aus Zeitgründen ein Telefonat vor, Spar hätte gerne überhaupt weniger Kundennachfragen, denn

Das SPAR Service Team ist zur Zeit mit Anfragen rund um das Thema Corona-Krise völlig ausgelastet. Wir bitten Sie daher eindringlich, nur wirklich wichtige Anfragen und Anliegen an das SPAR Service Team zu senden!

Nun, schon wichtig. Ich schrieb also. Die Antwort hat mich dann schon ein wenig verblüfft und in meinem Glauben an den “gesunden Menschenverstand” erschüttert. Die erste Antwort war eine automatische, dass man derzeit so überlastet sei, dass man nur die wichtigsten Fragen überhaupt beantworten werde. Aber offenbar war das Thema dann doch wichtig genug, eine persönliche Antwort kam am nächsten Tag.

Wie Sie auch auf unserer Homepage bei den FAQs lesen können, bieten wir das Desinfektionsmittel an, solange der Vorrat reicht. Aufgrund der momentanen Knappheit an Desinfektionsmitteln ist die Versorgung der über 1500 Standorte nicht ganz einfach. Deshalb ist die flächendeckende Verfügbarkeit derzeit nicht gesichert. Wir bitten um Verständnis.

Wir können unsere Kundschaften auf die Maskenpflicht nur aufmerksam machen. Wir sind kein Kontrollorgan.

Wir hoffen auf die Eigenverantwortlichkeit der Menschen, wie von der Bundesregierung vorgeschrieben, Masken zu tragen und den Sicherheitsabstand einzuhalten.

Der Service –das Desinfizieren der Griffe der Einkaufswägen durch einen SPAR Mitarbeitenden- wurde eingestellt. Grundsätzlich sollte unseren Kundschaften alles dafür Nötige zur Verfügung stehen. Bitte entschuldigen Sie, dass der Desinfektionsmittel-Spender leer war.

Ich habe dafür ausnahmsweise wenig Verständnis. Eigenverantwortung des Kunden? Absolut, kein Widerspruch von mir. Aber da reicht der Vorrat an Desinfektionsmitteln nicht? Jetzt, wo wirklich in jeder Drogerie ausreichend Desinfektionsmittel erhältlich sind? Fünfzig Meter weiter beim DM oder vis-a-vis in der Apotheke? Kannisterweise, wenn’s sein muss. Da entschuldigt man sich dafür, dass der Desinfektionsspender leer war? Welcher Desinfektionsspender. Da war gar keiner, auch kein leerer.

Aber immerhin:

Die zuständige Gebietsleitung wird selbstverständlich sofort informiert.

Dann noch eine Entschuldigung:

Bitte entschuldigen Sie alle für Sie dadurch entstandenen Unannehmlichkeiten!

Für mich waren es Unannehmlichkeiten. Ich trage Maske und Desinfektionsmittel bei mir. Aber ich reihe das (auch weiterhin) unter selbstverständliche Hygiene. Wenn Seife und Klopapier ausgehen, was machen die Mitarbeiter dann im Fall des Falles, bevor sie Obst und Gemüse in die Regale sortieren?

Update vom 7. Mai, 12:45 Uhr

Nach Kommentaren aus Deutschland, dass dort all diese Hygienemaßnahmen nie und nimmer nicht gepflogen wurden und werden, haben wir uns ein wenig umgesehen. Der Faktencheck hat ergeben, dass in Wien auch Supermärkte von REWE (möglicherweise auch andere Supermärkte, die wir noch nicht besiucht haben) ab sofort auf Desinfektionsmittel etc. verzichten. “Ist nicht mehr notwendig.”, wie wir heute beim Merkur, ebenfalls auf der Mariahilfer Straße hören konnten.

In anderen Geschäften sind Desinfektionsmittel derzeit (noch?) üblich, wie ein kurzer Rundumblick zeigte.

Update vom 9. Mai, 13:00 Uhr

Fast schon hatte es mir leid getan, Spar so heftig ans Bein zu pinkeln, da erschien in der heutigen Tagesausgabe der Tageszeitung “Kurier”, auf Seite 16, ein Interview mit Herrn Alois Huber, dem Geschäftsführers von Spar für die Ostregion. Ich zitiere:

Frage Kurier: Wie lange werden die Maßnahmen (es ist zuvor von Maskenpflicht, Plexiglasschutz und Desinfektion die Rede, Anm. des Autors) Ihrer Meinung nach bleiben?

Antwort: Ich gehe davon aus, das das jetzt noch eine relativ lange Zeit so bleiben wird.

Und jetzt kommt der für mich entscheidende Teil des Interviews:

Unsere Desinfektionsanlagen bleiben für immer. Die Gesellschaft hat jetzt eine Sensibilität für Hygiene entwickelt.

Das Originalinterview wurde auch auf Schau-TV am 8. Mai 2020 um 19:30 Uhr ausgestrahlt. Das Interview ist in voller Länge hier abzurufen: https://schautv.at/warum-eigentlich/haben-400-prozent-mehr-clopapier-verkauft/400836653 Die zitierten Aussagen sind ab etwa Minute 8 Thema des Videos.

Ich gehe davon aus, dass dem Geschäftsführer der Ost-Region, zu der auch Wien gehört, die Vorgehensweise seiner Mitarbeiter nicht wirklich bekannt ist.

Update vom 9. Mai, 16:00 Uhr

Überraschung! Spar hat nun doch auch in der Mariahilfer Straße einen Desinfektions-Automaten aufgestellt und Einweg-Handschuhe aufliegen. Jetzt passt’s wieder. Danke.