Review: Affinity Photo WorkBook

Affinity Photo WorkBook

Adobe mit seiner Abo-Fixierung ist bei mir ziemlich unten durch, Alternativen sind gefragt. Klar, dass ich mich auch mit Affinity-Produkten befasse. Sehr gut passend, dass mir das Affinity Photo WorkBook – Affinity Photo ist eine der leistungsfähigsten Alternativen zu Adobe Photoshop – zur Rezension überlassen wurde. 488 Seiten, Hardcover. Prächtig anzusehen, in den starken Affinity-Farben gehalten, die auch Affinity Photo prägen.

Affinity Photo WorkBook.
Affinity Photo WorkBook. Das offizielle Kompendium zu Affinity Photo für macOS und Windows.

Meine Beurteilung, das mag gleich zu Beginn gesagt werden, fällt zwiespältig aus. Zwiespältig wie meine Persönlichkeit, die mit diesem Workbook arbeitet. Auch die teilt sich in den „blutigen“ Anfänger einerseits, mit dem ich alles zu betrachten versuche, was ich testen soll, und den fortgeschrittenen, ziemlich routinierten Anwender, der ich in der Bildbearbeitung eben bin.

Der Anfänger in mir beginnt mit der Bedieneroberfläche von Affinity Photo, die im WorkBook gleich zu Beginn, ab Seite 14, erklärt wird. Dieses erste Kapitel ist auch wichtig für den fortgeschrittenen Anwender in mir; die Umstellung von Photoshop auf Affinity Photo ist doch größer als zunächst vermutet. Affinity Photo arbeitet nämlich in verschiedenen Modi, bei Affinity „Personas“ genannt, höchst unterschiedlich, soweit es Bedieneroberfläche und Werkzeuge betrifft. Es ist also von Beginn an Konzentration gefordert.

Überblick über die Programmoberfläche von Affinity Photo.
Überblick über die Programmoberfläche von Affinity Photo.

Hinter manchen Werkzeugen verbergen sich ganze Werkzeugkisten: Malwerkzeuge wie Pinsel und Bleistift („Pixelwerkzeug“) sind z.B. unter einem Punkt vereint. Grundsätzlich findet der Leser hier fast alles, was er zu den verschiedenen Werkzeugen wissen muss. Fast, denn dass einige Werkzeuge z.B. auf wechselnde Geschwindigkeit mit verschiedener Genauigkeit reagieren, wird hier nicht erwähnt.

Die Erklärung der Kontext- und Symbolleisten hingegen lässt bei mir keine Wünsche offen. Auch die Beschreibung der verschiedenen Panels (Photoshoppern eher als „Bedienfelder“ bekannt), ist übersichtlich, ausführlich und hinterlässt einen ausgezeichneten Eindruck. Zeit braucht es, das alles durchzuarbeiten, aber es lohnt den Aufwand. Danach wird noch der Arbeitsbereich individuell angepasst, und schon ist Kapitel 1 zu Ende. Immerhin 83 Seiten voll mit wichtigen Informationen, die ich bei Bedarf auch recht leicht nachschlagen kann. Super!

Jetzt geht’s lo-os!

In Kapitel 2 werden grundlegende Techniken erklärt. Wie öffne und speichere ich Bilder, wie entwickle ich RAWs. Zuschneiden und diverse andere Bildanpassungen werden beschrieben. Ja, beschrieben, nicht erläutert. Und das ist eine der großen Schwachstellen dieses Buchs. Der Fortgeschrittene weiß schon, was der Belichtungsregler tut, auch kennt er sowohl Begriff als auch Wirkungsweise einer Tonwertkorrektur. Aber wie kommt ein Einsteiger in die Bildbearbeitung mit folgender Anweisung zurecht?

  1. Laden Sie über Datei > Öffnen die Datei RW2.
  2. Wählen Sie das Panel Tonwerte
  3. Aktivieren Sie die Option Gradationskurven, um ein Diagramm einzublenden.
  4. Klicken Sie im unteren Viertel der Linie, um einen Steuerknoten zu platzieren, und ziehen Sie ihn nach unten, um ein „Tal“ in der Linie zu erzeugen. Hierdurch erhalten die Tonwerte des Bildes mehr Tiefe.
  5. Wählen Sie das Panel Details (wird mit einer Abbildung unterstützt) aus.
  6. Aktivieren Sie die Option Details verbessern und ziehen Sie den Regler Radius auf 5% und den Regler Intensität auf 40%, um die feinen Details zu schärfen.
  7. Klicken Sie nun auf Entwickeln, um diese Änderungen zu übernehmen und das Bild zu entwickeln.

Bitte beachten Sie, dass die Strukturierung der Anweisungen nahezu perfekt ist. Bitte beachten Sie aber auch, dass Erläuterungen dazu völlig fehlen. Wieso Radius 5%, wieso Intensität 40%? Warum wird der Radius, wie in anderen Softwareprodukten zur Bildbearbeitung, nicht in Pixel, sondern in Prozent (wovon?) angegeben? Warum sollte der Steuerknoten in der Gradationskurve im ersten Viertel der Linie gesetzt werden? Was passiert, wenn das im obersten Fünftel geschieht? Fragen über Fragen, auf die ein erfahrener Anwender die Antworten (bis auf die Frage der Radiusbemessung) im kleinen Finger hat. Fragen, die dem Einsteiger ziemlich sicher Probleme bereiten werden.

Und es geht weiter

Im Wesentlichen geht es beim Zeigen der Grundlagen so weiter. Es wird gezeigt, es wird nicht erläutert, es wird nicht erklärt. Die Beispieldateien, die man von der Affinity Homepage laden sollte, bevor man mit der Arbeit beginnt, sind fast immer genau nur für den einen Punkt, der gezeigt werden soll, gedacht und geeignet.

Einen Punkt möchte ich noch herausheben, der zwar für den Einsteiger unauffällig sein mag, einem etwas erfahreneren Bildbearbeiter aber wirklich die Zornesröte ins Gesicht treibt: Umwandeln eines Farbbildes in Schwarz und Weiß:

  1. Laden Sie über Datei > Öffnen die Datei jpg.
  2. Klicken Sie im Menü Ebene auf Neue Anpassungsebene > Anpassung > Schwarz-Weiß.
  3. Ihr Bild wird sofort in eine Schwarzweiß-Variante umgewandelt. Sie können aber noch mit den einzelnen Farbschiebern (Abbildung) festlegen, wie die einzelnen Farben in dem Bild dargestellt werden.

Das war’s. Echt. Kein Hinweis, wie sich Farbänderungen auf Hauttöne oder, ganz anders, auf Bildkontrast auswirken etc. Hmpf!

Ab Seite 106 wird es wieder spannender, hier beginnt die Arbeit mit Auswahlen (hier fehlt mir z.B. besonders der Hinweis, wie unterschiedlich das Auswahlwerkzeug auf verschiedene Strichgeschwindigkeiten reagiert), Masken und Ebenen. Der Punkt Schärfen erklärt die Unterschiede verschiedener Schärfungsmethoden und deren Einsatzgebiete, aber auch hier wieder: „Ziehen Sie den Regler Radius ganz nach rechts auf 100 px.“ Warum gerade ganz nach rechts, justament auf 100 px? Wäre das die einzig richtige Methode, warum dann ein Regler und kein Schalter? Nun gut, Ende Kapitel 2. Auch Ende der Basisinformation.

Pause. Kurz mal innehalten und überlegen

Das Buch leidet entschieden darunter, dass viel geschrieben, aber (fast) nichts erläutert wird. Bei verschiedenen Kapiteln werden tatsächlich exakte Korrekturwerte vorgegeben, aber niemand erklärt, warum in dem Fall etwa genau dieser Wert Sinn macht. Nicht mal, welcher Regler, welche Eingabe denn nun was genau tut oder tun soll. Keine Erklärung, wie eine misslungene Entwicklung wieder rückgängig gemacht werden könnte bzw. warum nicht. Nein, das geht nach Entwickeln nicht mit Undo. Pffffff…

Bitte, dass da kein falscher Eindruck entstehe: Ein Grafiker weiß bei den meisten Reglern, was sie bedeuten, wenn auch die Skalen manchmal bei Affinity Photo (für mich) seltsam anmuten. Z.B. gibt die Skala „Radius“ in vielen Fällen offensichtlich NICHT den Radius in Pixel an – in manchen Fällen aber schon.

Ich gehe eine Hardware, eine Software, ein Buch bei einem Test immer so an, wie sie ein Einsteiger erleben würde. Und der würde sich mit diesem WorkBook sehr wahrscheinlich mit Grandezza “derstessen”.

Wenn allerdings ein Photoshopper – ein echter, nicht einer der Möchtegern-Sorte – an das Buch heranmacht, wird er sich in manchen Fällen fragen, wozu er die Module durcharbeiten sollte. Er weiß nachher nicht viel mehr als vorher. Und trotzdem müsste auch er sich durch dieses Buch tastenderweise fortbewegen, weil eben für vieles Ungewohnte nähere Erläuterungen fehlen.

Gerade als ich überlege, das Buch beiseite zu legen…

…wechselt unerwartet das Affinity Photo WorkBook seine Richtung. Kapitel 3 befasst sich mit Projekten für Fotobegeisterte, die Kapitel 4 und 5 mit kommerziellen Projekten bzw. mit kreativen Effekten und Techniken. Und wenn ich sage „wechselt die Richtung“, meine ich nicht so sehr die wesentlich interessanteren Themenbereiche, sondern die Schreibweise. Hatte ich in den Kapiteln 1 und 2 den Eindruck, eine Programmierer hätte eine Dokumentation zu seinem Programm geschrieben, wird der Text nun lesbar. Hier schreiben verschiedene Autoren aus ihrer Praxis. Und das merkt man deutlich.

Affinity Photo WorkBook Projekt "The Snow Queen"
Affinity Photo WorkBook Projekt “The Snow Queen”

Selbst wenn nun die unmittelbaren Anweisungen in Text und Ton ähnlich wie vorher sind, so werden sie durch die einleitende Texte und die Ergänzungen verständlicher – auch für Einsteiger. Jetzt wird auch dem Neuankömmling z.B. klarer, was mit dem bzw. im oberen (rechten) Teil der Gradationskurve passiert.

Wer also bis jetzt durchgehalten hat, erhält in der Folge eine Belohnung mit 340 Seiten lebendiger Führung durch interessante – manchmal auch für Fortgeschrittene neue – Welten. Ja, und jetzt lohnt sich auch der nicht unbeträchtliche Betrag von EUR 46,40, den der Leser für das WorkBook hingelegt hat.

Grillkäse per Bildbearbeitung.
Grillkäse per Bildbearbeitung.

Ich möchte also auch den Einsteigern zurufen „Haltet durch es lohnt sich!“ Denn jetzt kommen endlich auch die Erklärungen, die mir bislang so gefehlt haben: Welchen Farben muss ich bei einer Schwarz-Weiß-Umwandlung besondere Aufmerksamkeit schenken und warum?

Je tiefer ich in das Buch eingedrungen bin, desto spannender wurde es für mich. Natürliche Portraitretusche (inkl. Schärfen) wird bis ins Detail durchbesprochen. Kreative und effektvolle Montagen werden (fast) zum Kinderspiel. Da sind dann auch mal Sachen dabei, die ich nur mit Affinity Photo in dieser Qualität erstellen könnte. Welche Bildbearbeitungssoftware sonst bietet so flexible Gitterverzerrung via Bezierkurven?

Automatisierung:
Makros und Stapelbearbeitung

Ein für mich wichtiger Punkt in der Bildbearbeitung ist die Möglichkeit zur Automatisierung bzw. zur Stapelbearbeitung. Dieser Punkt versteckt sich in Kapitel 5, bei den kreativen Effekten und Techniken, unter Punkt 3 „Chamäleon“. Das Affinity Photo WorkBook arbeitet sowohl die Verwendung, Erstellung von Makros als auch deren Einsatz in der Stapelverarbeitung erschöpfend ab. Allerdings schleicht sich zu Beginn wieder mal der Stil der ersten beiden Kapitel ein: „Klicken Sie dort, klicken Sie da, und Sie sehen, was passiert.“

Wie Makros erstellt bzw. aufgezeichnet und in Stapeln eingesetzt werden können, kommt hingegen gut verständlich zu mir rüber. Also kann ich mit der Einführung in diesen Bereich gut leben.

Die Cheat Sheets

Eine wesentliche Beigabe offenbart das Buch erst ganz zum Schluss: Dort finde ich heraustrennbare Tafeln mit den Shortcuts zu den verschiedenen Personas von Affinity Photo. Sowohl für Mac- als auch Windows-User sind getrennte Vorlagen mit Tastenbelegungen dabei. Wirklich sehr praktisch!

Für wen ist dieses Buch geeignet?

Das Affinity Photo WorkBook eignet sich meiner persönlichen Meinung nach weniger für Einsteiger, sehr gut aber für kreative Köpfe mit soliden Vorkenntnissen in der Bildbearbeitung. Dann allerdings wird das Buch nicht nur Hilfe bei der Arbeit, sondern auch Ideengeber sein.

Fazit

drei Sterne von fünf mögllichen

für Fortgeschrittene

viereinhalb Sterne von fünf möglichen

für Einsteiger

Das Buch ist durchgehend gut strukturiert und wirklich konsequent einheitlich in seinen Anweisungen. Das ist schon mal ein sehr erfreulicher Ansatz, der bei Büchern, an denen eine Vielzahl an Autoren mitgearbeitet hat, selten ist.

Die ersten zwei Kapitel lesen es sich wie trocken Brot. Ab Kapitel 3 füllt sich das Affinity Photo WorkBook allerdings mit Leben und praxisbezogener Erläuterung, die weit über die reinen Programmfunktionen hinausgeht.

Was ich noch anmerken möchte: Die Bindung des Affinity Photo WorkBook ist gut und sicher auch langzeittauglich. Die Falzbereiche der Buchdeckel erfüllen diesen Anspruch nicht im selben Ausmaß. Derzeit noch „nur“ geräuschvoll beim Auf- und Zuklappen erinnern mich die Falzbereiche, dass mir schon mal ein Buchdeckel führungslos entgegengekommen ist. Nein, (noch) nicht bei diesem Buch, aber die Geräuschkulisse erinnert mich täglich daran.