Adobe Lightroom oder „Wie man eine Sackgasse dicht macht“

Adobe Lightroom oder „Wie man eine Sackgasse dicht macht“

Okay, ich sollte es besser wissen. Ich war schließlich seinerzeit selbst dabei, als Adobe InDesign erstmals in einem kleinen Kreis von Druckern, Setzern, Grafikern und Meinungsmachern vorstellte. Man erinnerte die Zuhörerschaft, wie Quark mit QuarkXPress den Markt auspresste. Für jede Lizenz, selbst innerhalb von Multilizenzverträgen,  wurde ein kleines Vermögen verlangt. „Wir werden das niemals machen!“ war die vollmundige Ansage, mit der Adobe zum Umstieg animieren wollte.

Zum Test verteilt wurde die Vorversion InDesign 0.99, weiter war Adobe noch nicht, hatte erst kurz zuvor Aldus und damit das fertige Produkt PageMaker erworben. Adobe war auf dem besten Wege, DTP zu verstehen, zu lernen. Aber schon Postscript in der Bildschirm-Darstellung zu erleben war ein Erlebnis. Die erste verkaufte Version war noch ein reines Adventure Game, für die Produktion untauglich. Das hat sich aber ebenso gewandelt wie das ursprüngliche Versprechen vergessen wurde.

InDesign in seiner letzten Verkaufsversion ist mittlerweile in Schönheit gestorben. Als einzige 32 Bit-Software in der CS6 Collection übriggeblieben, läuft es bereits auf MacOS High Sierra nicht mehr sauber, auch wenn erst das nachfolgende MacOS 32 Bit-Software nicht mehr zulässt. Der Cursor verschwindet in InDesign unter High Sierra. Und arbeite mal mit einem DTP-Programm ohne Cursor! Und das Beste: Selbst brav zahlende CC-Abonnenten sind auf dem Mac zwei Wochen ohne Update wie auf glühenden Kohlen gesessen.

When will Adobe update CC to work with High Sierra? I see some glitches on Indesign.

Betraf übrigens auch Illustrator CC. Als würde Adobe erst im Nachhinein von den Problemen erfahren haben, die sich unter MacOS High Sierra bei Adobe-Produkten ergeben würden. Stell dir das mal aus der Sicht eines produzierenden Unternehmens vor, welches Zeitlimits einzuhalten hat.

Warum ich dir das erzähle, wo es in diesem Blog doch um Lightroom gehen sollte? Weil es symptomatisch aufzeigt, wie die Dinge laufen. Und eben nicht erst seit heute.

Das Ende von Lightroom als Kaufprodukt

Und nun zu Lightroom. Es gibt künftig keine neuen Kaufversionen mehr. Aus, Ende, Schluss. Lightroom 6 soll wohl, wenn man Adobe glauben darf, weiter verkauft werden, doch ab Ende 2017 keinen Support mehr erhalten, keine Updates, auch keine neuen Kamera-Definitionen.

Adobe produziert Lightroom in Zukunft in zwei Varianten, beide sind aber nur mehr im Abonnement verfügbar:

Lightroom, wie wir ihn bisher kennen, wird zu „Lightroom Classic CC“. Dieses Produkt soll schneller werden – gut, langsamer ginge auch kaum mehr. Vielleicht wird Adobe sogar in Zukunft mehr als zwei Prozessorkerne nutzen? Luminanzmasken sollen hinzukommen, der Arbeitsablauf bei  eingebetteten Vorschauen verbessert werden. Das Arbeiten mit großen Katalogen sollte also in Zukunft etwas flüssiger funktionieren. Lightroom Classic CC ist weiterhin gedacht für Anwender, die auf dem Desktop arbeiten und hauptsächlich lokal speichern wollen.

Neu ist „Lightroom CC“.  Die Bedieneroberfläche ist stark vereinfacht und dem der mobilen Version angeglichen, der Funktionsumfang ist, verglichen mit Lightroom Classic CC, geringer. Dieses Produkt ist vor allem für Anwender gedacht, die mobil arbeiten und  in der Cloud speichern.

Die Abos

Adobe wirbt übrigens mit „Adobe Lightroom Classic CC kaufen“, nicht „mieten“, damit Anwender nicht sofort abgeschreckt werden. Die drei für das Fotoservice verfügbaren Abos kosten pro Monat je nach Ausstattung zwischen 12 und 24 Euro (Deutschland und Österreich haben leicht differente Preise). Nun erheben sich Fragen, die mir schon mehrfach gestellt wurde:

Und jetzt mal ehrlich: ich kann die Aufregung über die Abo-Variante nicht nachvollziehen. Das Fotografen-Abo mit allem drum und dran (beide LR-Varianten, Photoshop, mobile Bearbeitung und einige Extras) kostet 11,89 € inkl. MwSt (in Deutschland). Damit bin ich rundum sorglos und immer auf dem neuesten Stand. …

Gut, klingt echt gut. Wenn ich nochmals auf den Beginn meines Beitrags verweisen darf, relativiert sich „sorglos“ allerdings schnell. Und Preise können sehr flott „angepasst“ werden. Beliebig, sobald die Nutzerbasis keinen Ausweg mehr hat. Zu den weiteren Auswirkungen weiter unten noch mehr.

Das glaube ich nicht. Das können die nicht tun.

Dass „die“ das tun können, haben „die“ und auch andere schon zigmal bewiesen. Nicht nur bei der „Anpassung“ der Mobilfunktarife in Österreich. Auch die hierzulande mittlerweile zum Standard gewordene „Servicegebühr“ aller Mobilfunk- und Internetbetreiber ist eine Steigerung der Gesamtkosten für die Kunden, sogar eine kräftige. Da brauchten die Provider die monatlichen Vertragsgebühren gar nicht erhöhen. Und Geld macht erfinderisch.

Eines ist aber wahr. Ein Kommentator hat all jenen, die wie ich gegen die Windmühlen rennen, etwas zum Kiefeln mitgegeben. Zum Vorwurf

This is a case of putting their shareholders before their customers

antwortete er:

You are wrong. Move to subscription only is a case of recognizing clear en-mass customer choice. Vast majority of customers were already on subscription 1.5 years ago. People by then have already voted with their money for subscription by a large margin (including me – I was on subscription before that date): http://prodesigntools.com/creative-cloud-one-million-paid-members.html

At this point Adobe just recognizes what has already happened in the market and cuts off what has become a tiny minority.

You just happened to be part of that tiny minority. You have a choice of either becoming part of vast majority who are already on subscription or move elsewhere. Because you are in a tiny minority your decision either way will not make much difference to both majority of customers and to Adobe.

Und er hat recht. Wir sind Dinosaurier in einer Welt nach dem Einschlag des Astroiden. Da ist einiges schief gegangen, wir haben es nur registriert, aber noch nicht realisiert. Heute wird, vor allem von jungen Menschen nicht mehr gekauft, sondern, wenn möglich, gemietet, geleast etc. Auch Dienstleistung. Ist schließlich (anscheinend) kein Problem. Gefällt mir mein Mobilfunkbetreiber nicht mehr, suche ich mir einen anderen. Das Service läuft weiter. Detto beim Auto. Ist ja nicht so, dass ich zu Hause eine Benzintankstelle im Keller habe, die wertlos, ja sogar zum Entsorgungsproblem wird, wenn mein nächstes Auto ein Elektrowagen wird. Oder ich verwende überhaupt Car Sharing- Modelle.

Dass das im Fall von Adobe Software ein wenig anders ist, wird erst in ein paar Jahrzehnten ins Bewusstsein dringen. Wenn die Threads mit Titels wie

Kein Abo mehr, wie komme ich an meine bearbeiteten Daten?

auftauchen.

Da sind wir schon bei zwei Punkten, die mich ganz besonders stören.

Die Cloud

Da wäre mal der zunehmende Druck in Richtung Cloud. Adobe Cloud in diesem Fall.

Wer die Cloud nicht nutzen möchte, muss das ja nicht tun.

Jein. Richtig derzeit noch bei Lightroom Classic CC. Nicht mehr bei Lightroom CC. Aber selbst bei Lightroom Classic CC macht Adobe die Regeln. Jederzeit wie Adobe will. Jedes Versprechen, jede Aussage ist nicht die Elektronen wert, auf denen sie veröffentlich wird. Wer sich schon nicht mehr an die Versprechen bei der Einführung von InDesign erinnern kann, dem werden hoffentlich noch die Aussagen Adobes in einem Blog vom 06. Mai 2013 weiterhelfen:

Adobes Versprechen in einem Blog am 06.05.2013 als Screenshot

Nochmals ganz langsam zum Mitschreiben:

Future Versions of Lightroom will be made available via traditional perpetual licenses indefinitely.

Das Ende aller Abos

Und da ist ein weiterer Punkt:  12 oder 24 Euro pro Monat? Ein Klacks. Auch für mich. Derzeit. Schwierig wird es, wenn das Abo zu Ende geht. Pension/Rente? Das ist ein finanzieller Einschnitt. Eine schwere Krankheit oder gar der Tod eines Lebenspartners kann auf mehrere Weisen dazu führen, dass

  1. der andere Partner keinen Zugriff mehr auf die Daten hat. Überhaupt keinen.
  2. die Arbeit von Jahren vollständig verlorengeht, selbst, wenn die vorläufig aktuellen Versionen in einer dann nicht mehr bearbeitbaren Form übrigbleiben sollten. Bei ausschließlicher Speicherung in der Cloud ist nicht mal das der Fall.

Ein Ausweg wäre, den Letztstand der bearbeiteten Daten in einem solchen Fall mit dem zu diesem Zeitpunkt aktuellen Tool ohne Update/Upgrademöglichkeit zur Verfügung zu stellen. Ein Ausweg, den Adobe nicht anbietet.

Ein weiterer Ausweg wäre, ausnahmslos alle Bearbeitungen in einem später von möglichst vielen anderen Produkten weiterverarbeitbarem Format zu speichern. TIFF beispielsweise. Mag ein Workaround, für manche auch eine Lösung, sein. Bei der Zahl der bei mir anfallenden Bilder ist das allerdings eine extreme allerdings eine Herausforderung, nicht nur wegen des benötigten Speicherplatzes.

Umstieg

Ich (persönlich) muss also Alternativen zu Adobe finden.

Alternativen zu Photoshop gibt es einige, die ich als „brauchbar“ bezeichnen würde. Teils mit enormen Lernkurven, bei den meisten müsst ich die neue Bedienerlogik erst mal verinnerlichen; beispielsweise Affinity Photo wäre so ein Fall, PhotoLine ein anderer. Aber hier gibt es jedenfalls brauchbare Alternativen, wenn auch bei Photoshop noch nicht wirklich drängt.

Bei InDesign brennt der Hut allerdings lichterloh. Und Alternativen zu InDesign sind nicht vorhanden. Ich sage das so deutlich, obwohl ich QuarkXPress, einige andere Alternativen“, auch Scribus in aktuellen Versionen beäugt habe. Eine Alternative müsste imstande sein, InDesign-Projekte 1:1 zu übernehmen. Bücher mit 200 und mehr Seiten, vielen Bildern und Infotext-Kästen, die für eine neue Ausgabe überarbeitet werden müssen, können nicht komplett neu erstellt werden. Nicht mehr von mir. Dazu ist meine verbleibende Lebenszeit zu kostbar. Hier sehe ich mich derzeit am Ende eines langen Weges.

Lightroom ist ersetzbar. Auch heute bereits, obwohl weitere Anbieter auf den Markt drängen. Nicht alle wird Adobe aufkaufen können, wie sie es bisher mit ernstzunehmenden Mitbewerbern immer getan haben. ON1 Photo RAW, Darktable, RAWTherapee, SilkyPix, um nur ein paar Produkte zu nennen. Der Workflow wird mir bei all diesen Produkten zu schaffen machen, weil bei mir hunderte Bilder pro Woche bearbeitet werden müssen. Die Möglichkeit zur  Verwendung gewohnter und vorhandener Presets (siehe dazu auch den allerletzten Absatz des Beitrags) fehlt hier, auch ist eine Weiterverarbeitung der bereits mit Lightroom fertiggestellten Bilder, soweit ich das bisher überblicken kann, mit keinem der Produkte möglich.

Theoretisch wären die Beschreibungen der in Lighrtroom getätigten Entwicklung-Einstellungen in *.xmp-Dateien („Beiwagerl“) oder in DNGs vorhanden. Aber zu mehr als dem Auslesen der EXIF/ITPC-Daten reicht es wohl dann doch nicht. Einer der Hersteller von alternativer Software meint dazu:

Q: What about DNG files?

A: ON1 Photo RAW can read and write metadata from DNG raw photos as well as process them like any other raw photo. We use the official Adobe DNG library for reading and writing metadata. Any processing settings saved in Lightroom or other applications are not used, but are safe and not modified. We use our own proprietary raw engine for decoding and processing them.

Q: Can I see my non-destructive edits from Lightroom in ON1 Photo RAW or vice versa?

A: Not really. Each non-destructive editor is a walled garden, you can only view your edits to a photo while you are in the application that made them. In order to see those edits in other applications you must export or save a copy of the photo with the edits applied, which is not re-editable.

Was mich ein wenig irritiert: DNG wird z.B. bei Leica, aber auch bei Apple iPhones als RAW-Format verwendet. Es scheint also definierte Bereiche im DNG zu geben, in denen Entwicklungseinstellungen – in solchen Fällen die von der Kamera vorgegebenen – festgeschrieben werden. Sonst könnte auch ON1 dieses Format nicht verarbeiten. Verwendet Lightroom in DNGs tatsächlich ganz andere Bereiche? Oder schreibt Lightroom die eigenen Entwicklungseinstellungen speziell kodiert, so dass sie andere nicht lesen können?

Eine Anmerkung noch zum Umstieg auf andere Produkte, die auch an mich gerichtet wurde:

Aber ich frage mich: was ist denn, wenn ich Presets anderer Hersteller einbinde, z.B. Google Nik Filter oder auch Presets von On1? Diese Applikationen arbeiten alle auch als Stand-Alone oder lassen sich in andere Bildbearbeitungen wie ACDSee als Plug-In einbinden. Wenn ich doch das .tif lokal gespeichert habe, dann habe ich diese Funktionalitäten doch auch in einer anderen Bildbearbeitung. Oder nicht? Wo ist mein Denkfehler?

Eher „oder nicht“. Denn TIF(F) ist ein pixelbasiertes Format, das kein non-destruktives Arbeiten ermöglicht. Habe ich meine Entwicklungsarbeit mal als TIF gespeichert, so ist sie so festgeschrieben, wie sie ist. Nachträgliche Änderungen bereits zuvor getroffener Einstellungen sind nicht mehr möglich. Ich kann also nachträglich z.B. nicht mehr den Kontrast „doch ein wenig zurücknehmen“. Jede weitere Bearbeitung basiert auf der letzten Speicherung. Habe ich einem Bild z.B. vor der Speicherung eine Farbe entsättigt, kann ich sie nachträglich von TIF aus nicht so einfach wieder in den Ursprungszustand bringen. Was weg ist, ist weg. Auch ein irrtümlich überzogener Mikrokontrast kann nicht von einem gespeicherten TIF aus unauffällig korrigiert werden.

Aber die obige Frage zielt an meinem Problem vorbei. Meine Presets haben wenig bis gar nichts mit Effekten zu tun. Ich habe eigens erstellte Presets für Aufnahmen mit zu hohem Kontrast, andere für welche mit extremer Ausnutzung der High IOS-Einstellungen. Da sind dann z.B. Lichter, Tiefen, Mikrokontrast, Gradationskurve, Entrauschen und Schärfe auf eben ganz speziell angepasste Werte voreingestellt. Das beschleunigt meine Arbeit derzeit enorm. Das wird in anderen Programmen ohne die Entwicklung neuer, eigener Presets so nicht mehr laufen können. Und die Erstellung solcher Presets dauert…